„Willkommen im Fußball” in Bremen: Wie wirkt sich Corona aus?

Die Corona-Pandemie hat das Bremer „Willkommen im Fußball“-Bündnis vor große Herausforderungen gestellt. Die Trainings und Qualifizierungsangebote für junge Geflüchtete konnten nicht wie gewohnt durchgeführt werden.

Henrik Oesau vom CSR-Management des SV Werder Bremen berichtet über die Herausforderungen, den Umgang mit diesen sowie die Entwicklung der Angebote in Zeiten der Corona-Pandemie.

Was hat sich durch die Corona-Pandemie bei Euch verändert?

Es hat sich eigentlich alles verändert. Wir hatten vor der Corona-Pandemie insgesamt 130 Angebote in der Stadt und dem Umland laufen (z.B. in Schulen, Kindergärten, Jugendzentren, Behindertenwerkstätten) und all diese Angebote liegen im Moment brach. Das betrifft natürlich auch unsere zehn SPIELRAUM-Angebote, zu denen unsere fünf „Willkommen im Fußball“-Bündnisangebote zählen. Das ist ein riesiger Einschnitt und wir gucken aktuell, welche Möglichkeiten sich in der veränderten Situation für unsere Angebote bieten. Wir überlegen auch jetzt schon, welche Optionen es im Falle von Lockerungen gibt.

Wie haben sich Eure Angebote verändert? Welche Herausforderungen gab bzw. gibt es und wie habt Ihr diese bewältigt?

Wir wissen, dass die Sport- und Bewegungsangebote, auch im Falle von Lockerungen, gerade einfach hintenanstehen. Deshalb beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir trotzdem unsere Zielgruppen erreichen können. Denn trotz der Situation finden wir es einfach sehr wichtig, Sport und Bewegungsangebote umzusetzen. Da haben wir z.B. durch unsere „Fit mit Werder“-Angebote, die mindestens dreimal wöchentlich auf unserem YouTube-Kanal erscheinen, eine Möglichkeit geschaffen, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen.

Im Rahmen unserer „Willkommen im Fußball“-Angebote versuchen wir nach anfänglichen Schwierigkeiten nun zu den üblichen Trainingszeiten mit unseren Trainingsgruppen zu kommunizieren, z.B. über verschiedene Apps oder „Teams“ von Microsoft. Wir merken, dass die Teilnehmenden das Bedürfnis haben, sich auszutauschen, weil ihnen diese Kontakte fehlen.

Das sind zum Teil aber auch individuelle Gespräche, in denen die Trainer einfach mal hören, wie es den Teilnehmenden geht. Speziell wenn man auf die jüngere Zielgruppe schaut, wie die Trainingsgruppe zwischen sieben und elf Jahren, da bietet sich eine Videokonferenz noch nicht an. Die älteren Jugendlichen zwischen 16 – 21 Jahren sind da schon regelmäßig im Kontakt, fordern sich gegenseitig zu Challenges heraus oder sind auch einfach jetzt im Austausch, weil Ramadan gestartet ist.

Wir haben durch den digitalen Austausch festgestellt, dass wir unsere Teilnehmenden nicht so gut erreichen wie zuvor. Der Grund dafür ist die fehlende Regelmäßigkeit. Der Alltag vieler hat sich aktuell genauso wie die familiäre Einbindung mitunter geändert, speziell jetzt zum Ramadan. Trotzdem sind unsere Trainer weiterhin zu den üblichen Trainingszeiten online erreichbar, auch per Videokonferenz.

Der Zugang zu den digitalen Angeboten ist teilweise jedoch schwierig. Kinder und Jugendliche, die generell sehr technikaffin sind, erreichen wir gut. Bei manchen Teilnehmenden funktioniert das nicht ganz so gut – hier haken die Trainer noch einmal nach und helfen. An dieser Stelle engagieren sich auch viele andere Teilnehmende proaktiv und unterstützen.

Welche besonderen Bedürfnisse nehmt Ihr aktuell bei den Teilnehmenden wahr? Wie geht Ihr damit um?

Aus den Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen nehmen wir jetzt schon mit, dass der fehlende Austausch für sie und ihre Familien nicht einfach ist. Diese Information nehmen wir mit für die Phase, in der es erste Lockerungen geben wird. Wir wissen auch, dass wahrscheinlich Fußball als Kontaktsport dann nicht sofort wieder möglich sein wird. Wir können uns jedoch jetzt schon auf die Bedürfnisse vorbereiten und überlegen, was wir mit unseren Gruppen dann tun können. Wir schauen, welche Räumlichkeiten wir für Gespräche nutzen können und welche Möglichkeiten es gibt, wieder Sport- und Fitnessangebote anzubieten.

Henrik Oesau vom SV Werder Bremen. ©Werder.de

Da sind unsere Trainer zum Teil durch den regelmäßigen Austausch auch Bezugspersonen und halten den Kontakt. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt durch unser Training sind neben unserem Werder-Trainer auch die Psychologen von Refugio, die mit auf dem Platz sind. Sie führen ihre Therapieangebote unter der Wahrung aller Vorgaben weiter durch, so dass Therapien und Gespräche weiterhin möglich sind. Und das betrifft eben auch weit mehr als die Hälfte unserer Teilnehmer aus unseren „Willkommen im Fußball“-Angeboten. Im Moment sind wir deshalb besonders froh, einen Partner wie Refugio bei uns im Bündnis zu haben.

Was hat Euch positiv überrascht? Welchen interessanten Lerneffekt gab es?

Aktuell fällt es mir noch schwer, etwas positiv Überraschendes zu sehen. Allerdings gibt es einen Lerneffekt. Schon vor der Corona-Pandemie haben wir überlegt, wie wir unsere Zielgruppen beispielsweise in Ferienzeiten, wo sie erfahrungsgemäß nicht so einfach zu erreichen sind, weiterhin für unsere Sportangebote begeistern können.

Hier hatten wir schon länger die Vision, auch digitale Angebote zu gestalten, um eine Konstanz über das ganze Jahr aufzubauen. Durch die aktuelle Phase haben wir die Möglichkeit mit unserem Medienteam genau diese Inhalte zu entwickeln. Im Normalfall hätten wir dafür wahrscheinlich viel länger gebraucht.

Welche Aspekte nehmt Ihr für die Arbeit in Zukunft mit?

Ich denke, dass sich digitale Sportangebote auch in Zukunft bei uns etablieren werden. Ich weiß allerdings noch nicht in welchem konkreten Maße. Zunächst werden wir versuchen, in den kommenden Ferien die nächsten digitalen Angebote umzusetzen, idealerweise mit für die Teilnehmer bekannten Trainerinnen und Trainer.

 „Die persönlichen Erfahrungen im gesellschaftlichen Miteinander dieser Zeit wollen wir in Zukunft nutzen, um auf sportliche Werte aufmerksam zu machen.”

Weiter bin ich mir sicher, dass aufgrund der aktuellen persönlichen Erfahrungen der Teilnehmenden zukünftig Begriffe wie Wertschätzung, Solidarität und Hilfsbereitschaft, aber auch Teamgeist einfacher zu vermitteln sind. Die persönlichen Erfahrungen im gesellschaftlichen Miteinander dieser Zeit wollen wir in Zukunft nutzen, um auf sportliche Werte aufmerksam zu machen und umgekehrt. Das ist auch etwas, was das „Willkommen im Fußball“-Netzwerk immer ausgezeichnet hat, sich diesem Mehrwert neben dem Sport zu widmen.

Welche Tipps und Hinweise habt Ihr für andere Praktikerinnen und Praktiker?

Der regelmäßige Kontakt und Austausch mit den Teilnehmenden sollte auf keinen Fall unterbrochen werden. Dies hilft besonders dabei, die jungen Geflüchteten regelmäßig zur Teilnahme an den digitalen Angeboten zu motivieren.

Es ist wichtig zu schauen, was die Kinder und Jugendlichen im Einzelnen beschäftigt. Denn nicht für alle sind unsere Sportangebote extrem wichtig, für viele ist es das ganze Drumherum, andere legen aktuell ganz andere Schwerpunkte. Gleichzeitig ist es möglich, dass da auch nur ein oder zwei Teilnehmende in unseren Angeboten dabei sind, für die wir eine wirkliche Vertrauensperson sind, die sie vielleicht nirgendwo anders in ihrem Alltag haben. Auch diesen gilt es gerecht zu werden und das Vertrauen nicht zu verspielen.

Der SV Werder Bremen, Refugio e.V. Bremen und der Landessportbund Bremen sind Bündnispartner des Bremer „Willkommen im Fußball“-Bündnisses.  Alle Informationen zu „Willkommen im Fußball“ gibt es hier.

„Willkommen im Fußball" ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Weiterführende Links:
• Tools für Videochat oder Videokonferenzen sind in dieser Übersicht aufgelistet
• Tools für die Beteiligung von Jugendlichen bietet diese Website

DFL Stiftung

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