Nachgefragt: „Willkommen im Fußball” in Zeiten von Corona

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) engagiert sich seit 2015 gemeinsam mit der DFL Stiftung im Rahmen von „Willkommen im Fußball“ bundesweit für junge Geflüchtete. Von Anfang an dabei ist Ursula Csejtei, Programmverantwortliche der DKJS, die das Projekt in den vergangenen Jahren begleitet und mit weiterentwickelt hat. Die Corona-Pandemie hat sie selbst, ihre Kolleginnen und Kollegen sowie alle Bündnispartner vor neue Herausforderungen gestellt. Im Rahmen unserer Interview-Reihe "Nachgefragt" sprechen wir über Verantwortung, Probleme, positive Überraschungen und den vorsichtigen Blick in die Zukunft.

Bundesweit insgesamt 23 Bündnisse bieten innerhalb von "Willkommen im Fußball" regelmäßige Trainings-, Bildungs-, Kultur- und Qualifizierungsangebote für die Teilnehmenden an. Die DKJS steuert und kontrolliert die operativen Prozesse und koordiniert die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Sie begleitet die Bündnisse vor Ort und unterstützt sie u.a. mit Vernetzungsangeboten.

„Ich denke, dass die Coronazeit viele Probleme deutlicher gemacht hat, die vorher schon da [...] waren: Beispielsweise die ungleichen Bildungschancen von Kindern und die großen Unterschiede bei der Möglichkeit, digital teilzuhaben.”

Wie haben sich die letzten Wochen auf „Willkommen im Fußball“ und Eure Arbeit ausgewirkt? Was waren die größten Herausforderungen?

Zu Beginn der Coronazeit haben wir uns für einen kurzen Moment gefragt, ob unsere Arbeit als Team in einem Programm, bei dem der Sport im Fokus steht, nun für gewisse Zeit ruhen wird. Es hat sich sehr bald herausgestellt, dass dies überhaupt nicht der Fall war. Wir haben schnell angefangen, digitale Austauschformate zu organisieren, die gut angenommen wurden. „Wie können Bündnisse ohne ein festes Training gut in Kontakt mit ihren Teilnehmenden bleiben?“ war zum Beispiel eine vieldiskutierte Frage, bei der der Peer-Austausch hilfreich war.

Als herausfordernd habe ich es empfunden, unsere eigene Teamarbeit komplett auf digital umzustellen. Wir arbeiten sonst inhaltlich und räumlich eng zusammen. Gemeinsam kreativ zu planen finde ich via Videokonferenz deutlich schwieriger als am Tisch. Aber man gewöhnt sich daran.

Gibt es etwas Positives, das Du aus dieser Zeit mit nimmst?

Durch unsere digitalen Austauschrunden für das „Willkommen im Fußball“-Netzwerk gibt es im Moment noch regelmäßigere Gespräche zwischen den Bündnissen als sonst. Da war der Austausch sehr auf Präsenzveranstaltungen fokussiert. Das ist auf jeden Fall eine Sache, die ich für die Zukunft beibehalten möchte.

Mit welchen Gefühlen blickst Du auf die kommenden Wochen? Wie geht es weiter?

Meine Gefühle sind ehrlich gesagt gemischt. Ich freue mich über alle Lockerungen, die „echten“ Kontakt mit Menschen möglich machen, da ich den direkten Austausch vermisse und weiß, dass es vielen so geht. Wir arbeiten in „Willkommen im Fußball“ mit Geflüchteten und der Lockdown in der Coronazeit hat viele ihrer Probleme verschärft: Beratungsstellen waren geschlossen; digitale Angebote wahrzunehmen war für viele schwer, die zum Beispiel in einer Unterkunft leben, in der es kein WLAN gibt; der Sport, als Freude im Alltag, war nicht möglich.

Neben der Freude über die Lockerungen spüre ich aber auch, dass wir jetzt eine große Verantwortung für unsere Teilnehmenden tragen, wenn wir zum Beispiel zu Veranstaltungen einladen. Ich glaube, die nächsten Wochen werden von viel Abwägen geprägt sein: Wo ist es wichtig, dass sich Menschen real begegnen? Was kann man weiterhin anders organisieren?

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich denke, dass die Coronazeit viele Probleme deutlicher gemacht hat, die vorher schon da – aber nicht ständig so sichtbar im Alltag – waren: Beispielsweise die ungleichen Bildungschancen von Kindern und die großen Unterschiede bei der Möglichkeit, digital teilzuhaben. Ich würde mir sehr wünschen, dass diese Themen weiter im „Rampenlicht“ bleiben und bearbeitet werden, auch wenn die akute Krise vorbei ist.

Von wo aus beantwortest Du gerade die Fragen? Hat sich Dein Arbeitsumfeld in den letzten Wochen verändert?

Ich sitze gerade an meinem Küchentisch, mein Sohn löst nebenan seine Mathematikaufgaben. An zwei Tagen in der Woche arbeite ich aus den Büroräumen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, wo bisher noch wenige Kolleginnen und Kollegen sind. Dort genieße ich einerseits die konzentrierte Ruhe und freue mich aber andererseits auch immer, wenn jemand seinen Kopf durch die Bürotür steckt. Wie viele Menschen auch verbringe ich gerade sehr viel mehr Zeit mit Videokonferenzen, mein Headset ist mein ständiger Begleiter geworden.

„Willkommen im Fußball” ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Weitere Infos gibt es hier.

Fotos: ©DKJS/Dorothea Tuch

mhadamzik

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