„Nachgefragt” bei „Lernort Stadion”: Politische Bildung in Zeiten von Corona

Raus aus der Schule, rein ins Stadion: Seit mehr als zehn Jahren nutzt das von der DFL Stiftung geförderte Projekt „Lernort Stadion“ die besondere Atmosphäre von Fußballstadien, um Jugendliche für politische Bildung und demokratische Werte zu begeistern. An bundesweit 20 Standorten werden Workshops und Projektwochen mit Themen wie Vielfalt, Diskriminierung, Gewaltprävention und Fairplay angeboten.

Im Rahmen unserer Interview-Reihe „Nachgefragt“ haben wir mit Ina-Marie Bargmann, Projektmanagerin des 2014 gegründeten Dachverbands Lernort Stadion e.V., und Marius Künzel, pädagogischer Leiter des dort vernetzten Lernzentrums „Bildungspark MG“, über die Ziele des Projekts, die Entwicklung und Umsetzung neuer, bildungsrelevanter Angebote sowie Zukunftspläne gesprochen.

Ina, Kontaktbeschränkungen, geschlossene Schulen, leere Stadien – was hieß das für „Lernort Stadion“ und Eure Bildungsarbeit?

Ina-Marie Bargmann ist seit 2016 für den Lernort Stadion e.V. tätig und ist im engen Austausch mit den Lernzentren. ©Lernort Stadion/Paula de Abrante

Bei uns im Netzwerk war in den vergangenen Monaten nichts, wie es sonst war: Alle Angebote mussten ausfallen. Einige Lernorte haben digitale Angebote entwickelt, aber das ist natürlich nicht dasselbe – „Lernort Stadion“ lebt vom besonderen Ort. Daher sind wir froh, dass es nun langsam wieder losgehen kann! In der Zwischenzeit haben wir gemeinsam mit den KoordinatorInnen und BildungsreferentInnen in verschiedenen Arbeitsgruppen Ideen zu Themen wie Kommunikation, internationalen Jugendbegegnungen und Fundraising entwickelt, überarbeiten gerade unsere Methodensammlung und haben einige größere Projektanträge eingereicht. Die Zusammenarbeit im Netzwerk war sehr produktiv und der rege Austausch mit den Standorten – zu dem in „normalen“ Zeiten oft die Gelegenheit fehlt – hat uns in der Geschäftsstelle sehr gutgetan!

„Über den „Trigger Fußball“ müssen wir versuchen, Jugendliche schon früh darin zu bestärken, sich zu gesellschaftlichen Themen eigenständig eine fundierte und demokratische Meinung zu bilden.” (Marius Künzel)

Laut der gerade erschienen SINUS-Jugendstudie 2020 beklagen viele 14- bis 17-Jährige die fehlende Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und die mangelnde Repräsentation im politischen Raum. Was sind Eure Erfahrungen diesbezüglich aus Eurer Arbeit mit Jugendlichen? Wie kann ein Projekt wie „Lernort Stadion“ Jugendlichen dabei helfen, sich mehr Gehör zu verschaffen?

Marius: Grundsätzlich würde ich dieser These zustimmen, da ich das Gefühl habe, dass die nachfolgende Generation wieder politischer wird und sich für Themen, die sie selbst betreffen, stärker einsetzt. „Fridays for Future“ ist da nur ein Beispiel. Dennoch müssen wir bei vielen, besonders bei bildungsbenachteiligten Jugendlichen mit unserer Arbeit im Lernort Stadion noch etwas früher beginnen. Über den „Trigger Fußball“ müssen wir versuchen, Jugendliche schon früh darin zu bestärken, sich zu gesellschaftlichen Themen eigenständig eine fundierte und demokratische Meinung zu bilden. Dies ist der wichtigste Punkt, um sich dann im Diskurs Gehör zu verschaffen.

„Jugendlichen fehlt die Teilhabe und auch die mediale Präsenz.” (Ina-Marie Bargmann)

Ina: Ich würde der These auch zustimmen! Jugendlichen fehlt die Teilhabe und auch die mediale Präsenz. Während des Lockdowns haben alle Medien über den wirtschaftlichen Einbruch gesprochen und dann irgendwann über die Betreuungssituation kleinerer Kinder. Jugendliche fanden in der Berichterstattung wenig statt. Dabei hat unsere Zielgruppe so viel anzubieten! Wir wollen daher in Zukunft noch stärker auf Jugendpartizipation in der Entwicklung und Durchführung unserer Angebote setzen und arbeiten hierzu an Konzepten.

Marius Künzel (Pädagogischer Leiter des “Bildungspark MG”) und sein Team bieten für Schulklassen und Gruppen fünf verschiedene Workshops an.

Marius, dem Fußball schreiben die Jugendlichen laut SINUS-Jugendstudie eine besondere integrative Kraft und das Hervorbringen von positiven Vorbildern zu. Der Mönchengladbacher Marcus Thuram hat beispielsweise mit seinem Kniefall nach einem Tor ein viel beachtetes Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Thematisiert Ihr politische Aktionen wie diese in Euren Workshops?

Wir nutzen alle gesellschaftlichen Äußerungen innerhalb des Fußballs, um diese in den Workshops zu thematisieren. Besonders während der Corona-Pandemie haben wir in vielen Online-Seminaren mit den SchülerInnen über die „Black Lives Matter“-Bewegung oder auch die Auswirkungen von Verschwörungstheorien in unserer Gesellschaft geredet. Dazu kommt, dass Mönchengladbach eine sozial schwache Stadt ist, in der die Menschen aber eine unfassbar hohe Identifikation mit dem Verein Borussia Mönchengladbach haben. Da sind Vorbilder, wie Marcus Thuram oder auch Matthias Ginter, der sich mit seiner eigenen Stiftung sozial engagiert, extrem wichtig, um den Jugendlichen schwierige Themen zugänglich zu machen.

Marius, seit Anfang Mai sprichst Du im Podcast „Mit Kopf und Fuß“ des Bildungspark MG mit verschiedenen Gästen über politische Bildung, soziale Verantwortung und Fußball. Wie ist diese Idee entstanden und was ist das Ziel des Podcasts?

Die Idee entstand, als wir gemerkt haben, dass die Corona-Pandemie uns langfristig begleiten wird. Wir konnten unsere Zielgruppe, die SchülerInnen und Auszubildenden, gut durch Online-Workshops erreichen. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass der Kontakt zu unserem Netzwerk ein bisschen verloren geht. Im Anschluss haben wir dann die ersten Podcast-Folgen aufgenommen, haben sie mit unserem Netzwerk geteilt und sind auf eine echt unerwartet große Resonanz gestoßen. Neben der Öffentlichkeitsarbeit für unseren Lernort ist der Podcast ein neuer und leicht zugänglicher Ort des Austausches geworden. Ich glaube, dass wir mit „Mit Kopf und Fuß“ einen Glückstreffer gelandet haben, da die Nische „Soziale Verantwortung, politische Bildung und Fußball“ bisher einfach noch nicht besetzt war.

Perspektivwechsel: Im Rahmen der “Paralympischen Woche” 2019 versuchte sich Ina-Marie Bargmann im Blindenfußball.

Ina, Du bist regelmäßig im Austausch mit den Lernorten – warst auch schon Gast im Podcast „Mit Kopf und Fuß“. Was sind Eure gemeinsamen Pläne für die nächsten Wochen und Monate? Welche Themen bewegen die Jugendlichen aktuell?

Anfang September findet unsere jährliche Methodenwerkstatt mit allen Standorten statt, zum ersten Mal in digitaler Form. Ende des Jahres organisieren wir zudem ein digitales Barcamp. Beides mit dem Ziel, die zum Teil sehr gut funktionierenden digitalen Methoden und Tools an der richtigen Stelle weiterhin einzusetzen und sie sinnvoll und nachhaltig mit dem einzigartigen analogen Stadionerlebnis zusammenzubringen. Ich denke für die Jugendlichen wie für die gesamte Gesellschaft spielen zurzeit Fragen rund um die aktuelle Situation und die Folgen der Pandemie eine große Rolle. Diesen Fragen muss genügend Raum gegeben werden. Die Fußballfamilie mit Vereinen und Fans hat viel Solidarität, Hilfsbereitschaft und ehrenamtliches Engagement für die Schwächsten unserer Gesellschaft gezeigt – da gilt es pädagogisch anzudocken.

Abschließend:

Marius, wen wünschst Du Dir für das Jahr 2020 noch als Podcast-Gast?

Ich würde sagen, je größer, desto besser. Nein, mal ehrlich, bis Ende August hat der Podcast Sommerpause, da es echt viel Arbeit bedeutet, sich angemessen auf ein Interview vorzubereiten und die technische Umsetzung hinzubekommen. Ich habe mit meinem Team aber eine Liste mit bestimmt 150 Personen erstellt, die wir gerne im Podcast begrüßen würden. Natürlich stehen dort auch utopische Wünsche drauf, aber ein Kuratoriumsmitglied der DFL Stiftung wie Dunja Hayali, ein Integrationsbeauftragter des DFB wie Cacau oder ein Spieler unserer Borussia wie Lars Stindl wären natürlich ein Highlight.

Ina, wen würden sich die Jugendlichen Deiner Meinung nach wünschen oder interessant finden?

Leroy Sané.

Beitragsbild: Borussia Mönchengladbach/Christian Verheyen

mhadamzik

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