Nachgefragt bei Magdalena Neuner, Matthias Steiner und Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider

Kinder und Jugendliche bewegen sich laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2019 zu wenig. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen im Freizeit- und Vereinssport haben diese Situation verschärft.

Anfang 2020 haben Magdalena Neuner (zweifache Olympiasiegerin sowie zwölffache Weltmeisterin im Biathlon und Kuratorin der DFL Stiftung), Matthias Steiner (Olympiasieger im Gewichtheben und Kurator der DFL Stiftung) und Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider (Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft) im Rahmen unserer Ausschreibung “GESUND UND AKTIV” 20 Projekte ausgewählt, die dem Bewegungsmangel von Kindern entgegenwirken sollen.

Rund ein Jahr nach unserer Ausschreibung haben wir mit unseren drei Jury-Mitgliedern über aktuelle Herausforderungen und Chancen, die Bedeutung von Bewegung und Ernährung im Kindesalter sowie den Einfluss von Bewegung auf die kognitive Leistungsfähigkeit gesprochen.

Jury-Sitzung Anfang Februar 2020: Matthias Steiner, Magdalena Neuner, Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider und Alexander Del Sorbo (DFL Stiftung)

Matthias, vor rund einem Jahr habt Ihr im Rahmen der Ausschreibung “GESUND UND AKTIV” 20 Projekte ausgewählt, die zum gesunden und aktiven Aufwachsen von Kindern beitragen. Was hat Dich an den ausgesuchten Projekten überzeugt?

Matthias Steiner: Mir war wichtig, dass sich die Projekte nicht zu sehr gleichen und dass gesunde Ernährung für Kinder eine Rolle spielt. Die Größe des Vereins oder der Institution war dagegen nicht wichtig für mich. Was mich an vielen Projekten am meisten fasziniert hat, war die Kreativität und Herangehensweise, die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen und zu fördern.

Magdalena, Du hast Dich als Kind schon viel bewegt und hast viele Sportarten ausprobiert. Was war dafür ausschlaggebend?

Magdalena Neuner: Zum einen haben meine Eltern mich immer motiviert, neue Dinge auszuprobieren, zum anderen hatte ich einfach prinzipiell immer Spaß daran, mich zu bewegen und draußen in der Natur zu sein.

Was würdest Du demnach Eltern gerne mitgeben?

Magdalena Neuner: Gebt euren Kindern die Möglichkeit, verschiedene Dinge auszuprobieren und motiviert sie immer wieder, am Ball zu bleiben.

„Bewegung ist für die körperliche, mentale und kognitive Entwicklung von Kindern enorm wichtig.” (Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider)

Stefan, das ist die Perspektive einer ehemaligen Weltklassesportlerin. Aus Sicht der Wissenschaft: Wie können wir Bewegung und Sport neben all den anderen Freizeitangeboten für Kinder attraktiv halten? Wie müssen attraktive Angebote aussehen?

Stefan Schneider: Bewegung ist für die körperliche, mentale und kognitive Entwicklung von Kindern enorm wichtig. Angebote müssen so früh wie möglich einsetzen und eine hohe Bewegungsvielfalt abdecken. Wie Magdalena auch schon gesagt hat, gilt es, in möglichst viele Sportarten mal reinzuschnuppern. Das hilft den Kindern und Jugendlichen auch, „ihre“ Sportart zu finden. Nur wenn Sport Spaß macht, bringen wir die Motivation auf, uns regelmäßig zu bewegen.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass digitale Angebote und Apps Kinder und Jugendliche in Bewegung bringen können. Ist das ein Ansatz für die Zukunft?

Stefan Schneider: Nein, nicht für Kinder und Jugendliche. Apps und Online-Angebote sind toll, wenn es keine anderen Angebote gibt, oder können Trainingsprozesse unterstützen. Aber sie ersetzen nicht die Begegnung und das Miteinander im Sport, ermöglichen nur bedingt Fehlerkorrekturen und motivieren nur kurzfristig. Eine gute Trainerin, ein guter Trainer kann auf eine didaktische Vielfalt zurückgreifen, die Kinder und Jugendliche ganz anders motiviert, als das digitale Formen derzeit können. Aber digitale Formate können natürlich ein Teil der Vermittlungsdidaktik sein.

V.l.n.r.: Matthias Steiner, Magdalena Neuner und Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider bei der Jury-Sitzung Anfang 2020.

Matthias, ein wichtiger Bestandteil auf Deinem Weg zum Spitzensportler war in Deiner Kindheit auch der Sportverein. Welche Rolle spielt er aus Deiner Sicht in der heutigen Bewegungswelt von Kindern und Jugendlichen noch?

Matthias Steiner: Der Sportverein bietet ja zunächst mal die Möglichkeit des Zusammenseins. Sport in der Gruppe macht gerade als Kind viel mehr Spaß. Aber der Verein bietet auch Wettkämpfe an, bei denen sich Kinder zum ersten Mal messen können. Sportvereine sind ein Anker, eine Zugehörigkeit und wenn man dann noch das Glück einer guten Trainerin, eines guten Trainers hat, dann steht einer heranwachsenden Persönlichkeit nichts mehr im Wege.

Der Sportunterricht gilt als Schulfach ohne Lobby. Woran liegt das und welche Gefahren birgt das möglicherweise?

Stefan Schneider: Schulfächer sind historisch gewachsen. Aufgabe des Faches Sport ist es u.a., in das Kulturphänomen Sport einzuführen – durch die Vermittlung unterschiedlicher Sportarten sowie von Wertekompetenzen im Sport wie Fairplay und Teamgeist et cetera. Ein verändertes Bewegungsverhalten, wie wir es heute vorfinden, das heißt Bewegungsmangel, hat der Schulsport erst mal nicht auf dem Schirm. Lehr- und Lernpläne entsprechen nicht immer dem gegenwärtigen Erkenntnisstand. Die Vermittlung von Lerninhalten ist ein Grundelement der schulischen, beruflichen und universitären Ausbildung. Was man dabei oft verkennt, ist, dass Sport und Bewegung auch kognitive Lernprozesse unterstützen und erleichtern kann. Aber allein kann das der Schulsport nicht leisten. Studien zeigen, Kinder treiben dann Sport, wenn ihre Eltern Sport treiben.

„Aus meiner Sicht muss Bewegung ein selbstverständlicher Teil des Kita-/Schulalltags sein.” (Magdalena Neuner)

Magdalena, Kinder verbringen zunehmend und wesentlich früher Zeit in Kitas oder Schulen. Wie können diese beiden Institutionen zum gesunden und aktiven Aufwachsen beitragen?

Magdalena Neuner: Indem sie genügend Pausen für Bewegung und Zeit an der frischen Luft einplanen. Aus meiner Sicht muss Bewegung ein selbstverständlicher Teil des Kita-/Schullalltags sein. Außerdem finde ich es sehr wichtig, die Kinder hinsichtlich einer gesunden Ernährung zu sensibilisieren.

Matthias, kommst Du zu Hause beim Blick auf alte Fotos manchmal in Erklärungsnot oder war Deine Ernährung als aktiver Gewichtheber immer vorbildlich?

Matthias Steiner: Na ja, die alten Fotos sind super, denn bis zum Alter von 22 Jahren war ich ja schlank. Dann kam der Gewichtsklassenwechsel und ich musste 40 Kilogramm zunehmen. Das musste ich schon erklären. Aber natürlich war die hohe Kalorienanzahl ausgewogen, wenn auch nicht immer vorbildlich. Dafür spielt jetzt eine bewusste Wohlfühl-Ernährung eine zentrale Rolle in meinem Leben.

Magdalena, wie war das bei Dir als Biathletin? Mahlzeiten immer diszipliniert nach Ernährungsplan oder nach Lust und Laune? Wie löst Du die Herausforderung bei Deinen Kindern?

Magdalena Neuner: Als Leistungssportlerin hatte ich täglich einen ziemlich großen Energieumsatz, sodass ich mir leisten konnte, keine Kalorien zu zählen. Ich habe immer auf eine gesunde Ernährung geachtet, habe mir aber auch zwischendurch immer mal was gegönnt. Die Menge und Dosierung machts. Es ist wichtig, ein Bewusstsein für gesunde Ernährung zu entwickeln. Ich erkläre meinen Kindern täglich, welche Lebensmittel gesund sind und welche eher nicht. Bei uns gibt es viel Obst und Gemüse und wir ernähren uns ausgeglichen. Die Kinder dürfen aber auch hin und wieder Schokolade essen. Ich bin kein Fan davon, Süßigkeiten komplett zu verbieten.

Eines der ausgewählten Projekte: BaKoS - Die Osnabrücker Ballschule e.V.
Ein weiteres ausgewähltes Projekt: Inklusive Fußballgruppe - Pfeffersport e.V.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die Ausschreibung „GESUND UND AKTIV“ zurück“, Stefan. Welche neuen und innovativen Ansätze der Projekte konnten Dich begeistern?

Stefan Schneider: Ansätze, die über das hinausgehen, was zum Standardrepertoire der Sport- und Turnvereine gehört. Dies betrifft inhaltliche Aspekte, aber auch neue und innovative Zugangswege zu Kindern und Jugendlichen.

Magdalena, welche Ansätze haben Dich besonders begeistert? Was hast Du aus den Diskussionen im Rahmen der Jury-Arbeit mitgenommen?

Magdalena Neuner: Ich war prinzipiell von den unterschiedlichsten Ideen begeistert. Aus den Diskussionen im Rahmen der Jury-Arbeit habe ich für mich mitgenommen, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, Kinder für Bewegung und gesunde Ernährung zu motivieren, als ich das vorher vielleicht selbst vermutet hatte. Von Zirkuspädagogik bis Bouldern war alles Mögliche dabei.

Viele der von Euch ausgewählten Projekte wurden durch die Pandemie erst einmal ausgebremst. Geplante Besuche der Projekte konnten auch nicht stattfinden. Matthias, wie würdest Du die Projekte motivieren? Hast Du Tipps für sie?

Matthias Steiner: Erstmal sind wir alle auf irgendeine Weise ausgebremst und vieles läuft nur untertourig. Aber Fakt ist auch: Das Thema Gesundheit wird größer denn je und alle Organisationen setzen mit ihren Projekten am Thema Gesundheit an, ob physischer oder psychischer Natur. Das heißt, auch wenn jetzt alles auf Sparflamme läuft und manches zurzeit undenkbar ist, werden Vereine und Gesundheitseinrichtungen künftig mehr denn je gebraucht. Das muss unser klares Ziel zum Durchhalten sein!

Vielen Dank für Eure Zeit und Eure interessanten Einschätzungen!

mhadamzik

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