Teil 3/3: Marah aus dem Dortmunder „Willkommen im Fußball“-Bündnis

Das Jahr endete für Marah anders als geplant. Die Vorfreude auf den Übungsleiterinnenkurs, auf die neue Schule und die Erfolge der letzten Monate ist einiger Resignation gewichen. Wie es für die 20-jährige Dortmunderin weitergeht, ist im Moment nicht klar. Aber sie ist zuversichtlich.

Anders als geplant

Vielleicht war es etwas viel auf einmal. Vielleicht war es zu früh. Marah hat einiges einstecken müssen in den letzten Wochen, und einmal mehr lernen müssen, dass das, was man sich vornimmt, nicht immer funktioniert. Eine Lektion, die wehtut. Eigentlich sollte Marah in den Herbstferien das Aufbaumodul zur Übungsleiterinnen-C-Lizenz machen. Doch schon nach ein paar Tagen war für sie Schluss.

„Mir wurde gesagt, ich sei zu ruhig gewesen. Aber alle waren ruhig. Und jemand sagte mir: ‚Du schaffst das nicht.‘ Aber ich habe schon Sport gemacht, seit ich klein bin. Dass mir jemand sagt, ich schaffe das nicht, das sitzt tief.“

Eine große Enttäuschung. Sie lehrt aber auch, dass das Vereins- und Ehrenamtswesen in Deutschland, obwohl es so sehr auf Nachwuchs angewiesen ist, noch immer Grenzen setzt – und diese Grenzen für die „Neuen“ deutlich höher sind als für die, die mit der deutschen Vereinskultur aufgewachsen sind. Das macht es schwer, die Verhältnisse zu ändern. Dabei kann Marah ziemlich klar sagen, was besser laufen kann: dass die Lehrenden eine leichtere Sprache verwenden und mehr erklären. Und am Ende jedes Lernblocks offene Fragen klären.

„Wir lernen ja auch nicht Wirtschaft, sondern Sport; man kann vieles auch einfach im Spielen und im Anwenden lernen.“ Bei einem Basislehrgang im Leipziger „Willkommen im Fußball “-Bündnis, der Grundlage für den C-Trainerinnen- und C-Trainerschein war, wurden beispielsweise die Kursinhalte ausgiebiger und in einfacher Sprache behandelt. Bei den Prüfungen wurden die Teilnehmenden bei Bedarf sogar von Dolmetscherinnen oder Dolmetschern unterstützt.

Auch an der neuen Schule fühlt Marah sich nicht so wohl wie erhofft. Seit dem Sommer ist sie dort, wollte nach dem erfolgreichen Realschulabschluss jetzt das Fachabitur angehen, um dann zu studieren. Doch mit 20 ist sie viel älter als die anderen in ihrer Jahrgangsstufe, und weil sie eher still ist und ihr Deutsch noch nicht perfekt, findet sie keinen Anschluss, erzählt sie. Zusammen mit den Ansprechpersonen aus dem Bündnis will sie jetzt schauen, ob es möglich ist, eine neue Schule zu finden, an der sie sich wohler fühlt.

Und dann war da noch der Autounfall. Als Marah, ihre Mutter, die Brüder und ein Onkel Verwandte in Hamburg besuchen wollten, ging das Auto kaputt und brannte auf der Autobahn aus. Zum Glück ist niemandem etwas passiert – doch ein Großteil von Marahs Kleidung und der ihrer Familie ist verloren. Und der Schreck darüber, wie viel Glück sie alle hatten, sitzt noch immer tief. Eine Menge Rückschläge, die ein junger Mensch erst einmal verarbeiten muss. Trotzdem sieht Marah auch viel Positives im vergangenen Jahr.

„Es hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe über den Fußball und das Bündnis viele nette Leute kennengelernt. Und ich habe auch gemerkt, was ich alles kann. Dafür bin ich ‚Willkommen im Fußball ‘ sehr dankbar.“

Und: Den Kopf in den Sand stecken will sie nicht. Gemeinsam mit Fatma, die sie im Begegnungszentrum „Adam ‘s Corner“ kennengelernt hat und die ihr eine „große Schwester“ geworden ist, will sie jetzt nach Möglichkeiten schauen, wie sie ihren Weg trotzdem gehen kann, vielleicht erst einmal mit einem Praktikum in einer Grundschule oder Kindertagesstätte. So scheint es, dass auch 2020 ein spannendes Jahr werden wird. Und sich vielleicht schon bald vieles zum Besseren wendet.

Auch die positiven Erlebnisse, die sie trotz der Rückschläge hat, machen Mut: Bei „Adam‘s Corner“, wo Marah einmal in der Woche ist und dort über „Willkommen im Fußball “ verschiedene Sportarten kennenlernt, wird gerade Badminton angeboten. Marah kennt das schon, also hat sie mit den Freundinnen geübt, Regeln erklärt, den anderen geholfen. „Einige wollen zur nächsten Stunde wiederkommen“, sagt sie, plötzlich lächelnd. Es ist nicht zu übersehen, wie viel Spaß ihr das macht. Und da wird klar, dass es nicht allein um Marah geht: Sie kann anderen jungen Frauen mit Fluchterfahrung Vorbild, Motivatorin und Mutmacherin sein. Einige der Mädchen, sagt sie, wollen auch Fußball lernen – und zwar, weil Marah gezeigt hat, dass es geht. Trotz Vorurteilen, trotz kultureller Unterschiede, trotz Kopftuch und Sprachbarrieren. „Du spielst ja mit den Füßen und nicht mit dem Kopf.“

Autorin: Alexandra Gehrhardt
Bildnachweis: DKJS/ Sabrina Richmann

Mehr zur Beitragsserie über Marah erfahrt ihr hier

„Willkommen im Fußball" ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Mehr Informationen zu „Willkommen im Fußball“ findet ihr hier.

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