„Willkommen im Fußball” in Dortmund: Wie wirkt sich Corona aus?

Normalerweise bietet das Dortmunder „Willkommen im Fußball"-Bündnis seinen Teilnehmenden ein vielfältiges Programm bestehend aus sportlichen Aktivitäten, Deutschunterricht, Jobcoaching und weiteren Qualifizierungsmöglichkeiten an. Aufgrund von Corona haben die Verantwortlichen ihr Angebot angepasst und neue Ansätze entwickelt. 

Bisher war das Angebot des Bündnisses zweigeteilt: Mädchen und junge Frauen hatten die Möglichkeit, an regelmäßig wechselnden Sportangeboten (z.B. Yoga oder Basketball) sowie am wöchentlichen Jobcoaching teilzunehmen. Für die jungen Männer wurde ein wöchentliches Fußballtraining mit anschließendem Deutschunterricht angeboten.

Welche Probleme und Herausforderungen bei der Umsetzung der Bündnisangebote in Corona-Zeiten zu bewältigen waren und sind, erzählt Mirabay Lotz vom Projekt „Angekommen“, Partner des Dortmunder „Willkommen im Fußball"-Bündnisses. 

Was hat sich durch die Corona-Pandemie bei Euch verändert?

Eigentlich hat sich so ziemlich alles geändert. Wir können uns mit unseren Teilnehmenden nicht mehr persönlich treffen und alle Sportangebote wurden von jetzt auf gleich gestrichen. Wir haben dann relativ schnell angefangen mit unserer Frauensportgruppe vorrangig über unsere Chat-Gruppe zu kommunizieren. Diese Gruppe gab es schon vorher, allerdings nutzen wir sie jetzt viel.

Wie haben sich Eure Angebote verändert? Welche Herausforderungen gab bzw. gibt es und wie habt Ihr diese bewältigt?

Wir haben uns im Team schnell dazu entschieden, dass wir ein Online-Angebot für unsere Frauensportgruppe umsetzen wollen und haben das bereits in der zweiten Woche nach dem Lockdown gestartet. Mittlerweile nutzen wir dafür dieselben Trainingszeiten wie vor Corona. Zuerst haben wir das etwas flexibler gehalten und geschaut, wann überhaupt unsere Trainerin Zeit hat, da sie selbst ein Kind hat und sich um die Betreuung kümmert.

Während des Ramadans bieten wir speziell Yoga-Workouts für unsere Teilnehmerinnen an. Das Angebot wird gut von den Teilnehmerinnen angenommen – viele haben danach gefragt und möchten gerne etwas machen. Andere Teilnehmerinnen schreiben wir vor den Workouts noch einmal an und motivieren sie zur Teilnahme oder unterstützen bei dem technischen Zugang. Nach dem Training bleiben wir dann noch kurz online und unterhalten uns mit den Teilnehmerinnen.

„Durch die digitale Kommunikation sind wir nun für die Jugendlichen noch besser ansprechbar."

Neben den Sportangeboten finden unsere Beratungsangebote ebenfalls vorwiegend online statt. Teilweise, wenn es notwendig ist, haben wir auch die Möglichkeit uns draußen zu treffen, z.B. wenn Bewerbungsunterlagen ausgedruckt werden müssen und dies nicht anders gelöst werden kann. Ab nächster Woche fange ich mit einem Hygienekonzept (mit ausreichend Abstand und Masken) auch wieder an Termine mit Jugendlichen in Räumen wahrzunehmen, wenn die Beratung online oder telefonisch nicht möglich ist. Parallel dazu bieten wir unser Nachhilfeangebot nun ebenfalls digital an.

Diese Woche startet auch der Deutschkurs für unsere Teilnehmer wieder – ab jetzt per Videokonferenz. Vor der Corona-Pandemie fand der Deutschkurs in Kombination mit dem Fußballtraining statt. Aktuell fragen wir bei unseren Teilnehmern noch ab, wie groß das Interesse an einem digitalen Sportangebot ist. Erfahrungsgemäß ist die Nachfrage an Trainingsangeboten während des Ramadans jedoch nicht so groß. Das ist für uns okay, da wir dies aus den letzten Jahren schon kennen.

Durch die digitale Kommunikation sind wir nun für die Jugendlichen noch besser ansprechbar. Von unserer Seite aus mussten wir uns erstmal viel mit der Technik beschäftigen, die dahintersteckt. Wir haben auch nach Möglichkeiten für die Teilnehmenden gesucht, bei denen der technische Zugang sehr einfach ist. Zu den Herausforderungen gehört, dass nicht jede Teilnehmerin WLAN zu Hause hat oder einen Raum zur Verfügung, in dem sie ungestört an den Online-Workouts teilnehmen kann.

Welche besonderen Bedürfnisse nehmt Ihr aktuell bei den Teilnehmenden wahr? Wie geht Ihr damit um?

Das hat sich in den letzten Wochen gewandelt. Zu Beginn war ganz viel Unsicherheit in der Chat-Gruppe zu spüren. Es wurden viele Nachrichten geteilt, darunter auch Fake News und Panikmache. Da haben wir geschaut, dass wir rechtzeitig intervenieren und aufklären. Jetzt kommen langsam wieder mehr die Alltagsthemen zurück. Speziell Fragen dazu, wie es nach dem Schuljahr weitergeht.

Momentan laufen viele Anmeldungen für das Berufskolleg, dafür müssen die Unterlagen online und postalisch abgegeben werden. Dabei brauchen die Jugendlichen Unterstützung, ebenso wie bei der Bewältigung von Schulaufgaben. Einige Teilnehmende wissen momentan nicht, wie sie alle Aufgaben lösen sollen, die sie zugeschickt bekommen. Für viele spielen auch Langeweile, Einsamkeit und die Kontaktbeschränkungen eine große Rolle. Soweit es möglich ist, versuchen wir diese Sorgen und Ängste über die digitale Kommunikation aufzufangen.

Was hat Euch positiv überrascht? Welchen interessanten Lerneffekt gab es?

Positiv ist, dass wir es relativ spontan geschafft haben, uns als Sportgruppe zusammenzufinden und damit einen Großteil der Teilnehmerinnen erreicht haben. Vielleicht nehmen nicht alle teil, aber ich habe das Gefühl, dass wir zu den Allermeisten Kontakt halten können. Diese rege Teilnahme an den Online-Sportangeboten hat mich überrascht. Durch die digitale Kommunikation sind wir nun auch einfacher und besser für die Teilnehmenden erreichbar.

Positiv ist uns auch aufgefallen, dass wir in so einer Krise als Ansprech- und Vertrauenspersonen von den Teilnehmenden wahrgenommen werden. Ich persönlich habe einen großen Digitalisierungsschub gemacht. Mein Handy, das ich vor der Corona-Pandemie hatte, verfügte über keine Chatfunktion.

Welche Aspekte nehmt Ihr für die Arbeit in Zukunft mit?

Sollten die Einschränkungen irgendwann wieder zurückgehen, dann werden wir den persönlichen Kontakt zu unseren Teilnehmenden immer vorziehen. Gerade dieser persönliche Kontakt und die Teilnahme an unseren Angeboten ist für unsere Teilnehmerinnen eine Möglichkeit, mal rauszukommen und soziale Kontakte zu halten. Im Vergleich dazu sind die Unterhaltungen in den Telefonkonferenzen nicht in diesem Maße möglich. Nichtsdestotrotz werden wir den digitalen Kontakt, den wir gerade so stark ausbauen, in Zukunft unterstützend weiterführen.

Welche Tipps und Hinweise habt Ihr für andere Praktikerinnen und Praktiker?

Die persönliche Ansprache ist auf jeden Fall ganz wichtig, um zum Mitmachen zu motivieren, aber auch zu erfragen, wo es Herausforderungen bei der Teilnahme gibt. Die meisten Frauen, die an unseren Angeboten teilnehmen, leben mit ihrer Familie zusammen. Da kann es mitunter schwierig sein, einen ruhigen Ort oder Privatsphäre für die Online-Sportangebote zu finden. Es ist auch wichtig zu schauen, welches Angebot sich die Teilnehmenden überhaupt wünschen, besonders wenn man mit Gruppen arbeitet, die z.B. im Alter sehr verschieden sind.

Unsere Sportangebote mit den jungen Frauen finden sonst in einer geschlossenen Halle statt, in die auch nur Frauen reinkommen. Damit wollen wir ihnen Ängste nehmen und einen Safe Space schaffen. Dies sollte sich auch auf die Gruppenchats und digitalen Sportangebote übertragen. Die jungen Frauen sollten sich auch in diesen Formaten frei bewegen können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wer noch alles darauf Zugriff hat.

Die BVB-Stiftung „leuchte auf“, die Walter-Blüchert-Stiftung (Projekt „Angekommen“) und der TSC Eintracht Dortmund sind Partner des Dortmunder „Willkommen im Fußball“-Bündnisses. Alle Informationen zu „Willkommen im Fußball“ gibt es hier.

„Willkommen im Fußball" ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Weiterführende Links:
• Tools für Videochat oder Videokonferenzen sind in dieser Übersicht aufgelistet
• Tools für die Beteiligung von Jugendlichen bietet diese Website

mhadamzik

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