Teil 1/3: Saleh aus dem Mainzer „Willkommen im Fußball“-Bündnis

Saleh kam mit 13 aus Syrien nach Deutschland. Hier hat der Fußball und das Programm "Willkommen im Fußball" sein Leben verändert und ihm geholfen, Pläne für die Zukunft zu schmieden.

„Den eigenen Traum (er)leben“

Saleh ist 17 Jahre alt, und wenn er von seinen Hobbys spricht, dann hört sich das an, wie bei den meisten Jungs in seinem Alter. Am liebsten trifft er Freundinnen und Freunde oder kickt gegen den Ball – oder beides zusammen. Er spielt in der A-Jugend des FC Ente Bagdad, aktuell ist er Kapitän. „Sehr stolz“ macht ihn das, erzählt der hochgewachsene Schlacks mit den dunklen Augen und lächelt. Saleh lächelt viel, dabei hat er Schmerzen: Er hat einen Muskelbündelriss, muss eine Weile mit dem Fußball aussetzen. Während er von sich erzählt, ein wenig verlegen über das Interesse, legt er irgendwann das Bein hoch. Ronald Uhlich vom FC Ente Bagdad besorgt ihm Eis, um die Verletzung zu kühlen.

Saleh ist ein ganz normaler Teenager, und er ist es doch nicht. Als er 13 Jahre alt ist, fliehen er und seine Familie vor dem Bürgerkrieg, der seit 2011 in ihrer Heimat Syrien tobt. Ihr Ziel Deutschland erreichen die Eltern mit den fünf Kindern, doch es ist nur ein erster Schritt auf ihrem erhofften Weg in ein sicheres Leben. Von der Erstaufnahmeeinrichtung in Trier wird die Familie nach Mainz transferiert, wo sie zunächst in einer Unterkunft in der Zwerchallee leben. Als ihnen die Anerkennung verweigert wird, weil sie über Bulgarien eingereist sind, suchen sie Zuflucht im Kirchenasyl. Schließlich gibt es ein Happy End für Saleh und seine Familie: Sie erhalten die Anerkennung und feiern mit den Unterstützerinnen und Unterstützern ein Fest in der Kirche.

Saleh erzählt diese Geschichte auf Nachfrage. Es ist nicht so, dass ihm diese so bedeutsame Anekdote unangenehm wäre. Aber er möchte, das ist spürbar, diesen Teil der Vergangenheit hinter sich lassen, sich lieber konzentrieren auf das, was vor ihm liegt. „Ich habe mich hier gut eingefunden“, sagt der Teenager in flüssigem Deutsch – wie um der Aussage Nachdruck zu verleihen, nickt er dabei sanft.

Zwei Jahre lebten Saleh und seine Familie in der Unterkunft. Eng sei das gewesen, erinnert er sich, und sehr langweilig. „Anfangs durften wir nicht zur Schule gehen.“ In just diese Zeit fiel der Startschuss von „Willkommen im Fußball“ bei dem Mainzer Amateurverein FC Ente Bagdad, Saleh und die Brüder waren im ersten Team. „Fußball war wichtig“, erzählt er in der nach Schweiß riechenden Umkleide in Mainz-Bretzenheim, wo die Enten spielen. Er habe in der Mannschaft rasch Freunde gefunden. „Wir hatten mehr Freiheiten als in der Schule.“

Auch das Thema Sprache war kein Problem, nicht nur, weil viele Spieler im gemischten Team aus vor allem Syrien, Albanien und Afghanistan ein paar Brocken arabisch sprachen, sondern, weil sie zugleich alle Anfänger mit der deutschen Sprache waren und keinerlei Hemmungen hatten voreinander, sich damit auszuprobieren. Ihr Trainer, der aus Algerien stammende Mustapha Smail, fungierte einerseits als Übersetzer und hielt seine Jungs andererseits dazu an, so viel Deutsch zu sprechen wie möglich. „In der Schule hatten wir nur drei, vier Stunden Deutsch“, erinnert sich Saleh und sagt: „Ich habe die Sprache auf dem Fußballplatz gelernt.“

Und dass, obwohl er in Syrien zuvor nie gegen den Ball gekickt hatte, sondern der Fußball in Deutschland zunächst vor allem ein Mittel war, um Anschluss zu finden. Vieles davon ergab sich dann fast organisch über die Kontakte der Enten. Zunächst macht er ein Praktikum bei Mainz 05, wo ihn das Thema „Corporate Social Responsibility“ faszinierte. Prägender noch waren die Wochen beim Landessportbund, für den er seither als Freiwilliger arbeitet. „Ich habe gern mit Kindern zu tun und will das auch später in meiner Freizeit machen, wenn ich einen Job habe“, erzählt Saleh von seinen Wünschen.

Welche Ausbildung er machen möchte, das hat er für sich bei einem Berufsvorbereitungskurs gelernt. Der sei, gesteht der Teenager, „ein bisschen anstrengend“. Er lacht, denn er möchte niemanden mit seiner Aussage beleidigen. „Aber ich weiß jetzt, was ich machen möchte, das ist gut.“ Kaufmann für Büromanagement, so lautet sein Traumberuf. Vor der Ausbildung freilich steht der Schulabschluss. „Da kann ich jetzt viel lernen“ lächelt Saleh und deutet auf seine Verletzung. Die hat ihm in der Notaufnahme die Begegnung mit einem 05-Spieler beschert: Karim Onisiwo, der beim Spiel der 05er gegen Leipzig mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus kam, just, als Saleh dort auf den Arzt wartete.

Die Profi-Kicker bewundert er und genießt es, mit den Enten zu Spielen der Mainzer zu gehen. Sein Lieblingsspieler? Niko Bungert, der seine Schuhe als Kapitän an den Nagel hängte. Er hat sich immer für die Kicker bei „Willkommen im Fußball“ engagiert und das nehmen sie natürlich wahr. „Er ist ein sehr netter Mensch“, betont Saleh und seine Augen leuchten.

Die Sommerpause der Mainzer kommt also gerade recht, damit der 17-Jährige sich auf seinen Schulabschluss und die Ausbildung zum Trainer konzentrieren kann. Dazu die Einheiten mit dem FC Ente Bagdad, Verantwortung für seine Familie, die Arbeit beim Landessportbund – klingt nach einem vollen Zeitplan. Saleh nickt. „Aber es macht Spaß.“ Und mit wem redet er, wenn es ihm zu viel wird? „Michael Kuhn“, nennt er ohne Zögern den Namen seines Trainers. „Er kann Probleme lösen.“ Ein Thema, in dem er, Saleh, inzwischen aber selbst sehr gut ist, oder nicht? Er überlegt, lächelt, nickt. „Ja, ich denke schon.“

Mehr zur Beitragsserie über Saleh und zu "Willkommen im Fußball" erfahrt Ihr hier

Autorin: Mara Pfeiffer
Bildnachweis: DKJS/Clemens Hess

Weitere Posts