Teil 3/3: Saleh aus dem Mainzer „Willkommen im Fußball”-Bündnis

Saleh kam mit 13 aus Syrien nach Deutschland. Mittlerweile hat er den Trainerschein in der Tasche und den Kopf voller Ideen

„Neue Träume wagen"

Das „Hintz und Kuntz“ in Mainz ist idyllisch im Schatten des Doms gelegen. Dieser ist so kurz nach der Zeitumstellung am frühen Nachmittag schon recht düster, außerdem nieselt es leicht. Das Wetter macht deutlich, dass nicht nur der Herbst, sondern auch das Jahr 2019 sich dem Ende zuneigt. Saleh, der das Café als Treffpunkt gewählt hat, unterhält sich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne mit Ronald Uhlich von Ente Bagdad. Am Wochenende möchte er als Spieler das Enten-Team verstärken, doch gerade steht das etwas auf der Kippe, ihn plagt eine Erkältung. Dennoch trägt er keine warmen Strümpfe, sondern Söckchen, die unterhalb des Knöchels enden. Er lacht. „Ich mag keine Strümpfe“, sagt er. Ganz einfach.

Saleh lacht viel, und wenn er über Dinge spricht, klingt das meiste davon: ganz einfach. Das ist bei jedem Treffen mit ihm wieder von Neuem erstaunlich. Er strahlt eine enorme Gradlinigkeit und Besonnenheit aus und wirkt vollkommen im Reinen mit sich und der Welt. Das soll nicht heißen, dass ihn keine Probleme beschäftigen, aber er hat einen so positiven und konstruktiven Umgang mit negativen Themen, dass es manchmal scheint, als gäbe es sie gar nicht.

Ronald Uhlich (FC Ente Bagdad) und Saleh vor dem Mainzer Dom. ©DKJS/ Clemens Hess

Von den positiven Dingen in seinem Leben hingegen berichtet Saleh nur zu gerne. Aktuell ist es die bestandene Trainerprüfung, die ihn besonders freut. „Es war eigentlich sehr leicht für mich.“ Der Prüfer sei überrascht gewesen, wie schnell und gut er die Aufgabe gelöst habe, erzählt Saleh und lacht nun wieder. Nach der bestandenen Theorie kam die Praxis, dafür mussten die Prüflinge zwei Übungen umsetzen, wobei die Mannschaften je aus den anderen Prüflingen bestanden. „Erst musste ich die Aufstellung machen und dann eine Übung ausdenken – Gegner binden mit Ball und ohne Ball anspielbar sein.“ Der Schein macht Saleh stolz, das ist spürbar. Und das ist nicht alles, die bestandene Prüfung verändert auch seine Arbeit an der Linie: „Es wird jetzt von den Jungs alles noch ernster genommen, was ich sage.“ Er lächelt zufrieden.

Mit seiner Familie spricht er kaum über das Thema Fußball. „Es interessiert sie nicht so sehr.“ Seine 15-jährige Schwester war mal bei einem Probetraining. „Aber es war ihr zu anstrengend“, sagt er amüsiert. Mit besagter Schwester und seiner Mutter ist er vor einiger Zeit in eine neue Wohnung gezogen, in der sie sich mittlerweile sehr wohl fühlen. „Aber ein paar Möbel fehlen noch.“ Den Vater sieht er seither nicht mehr so häufig. „Das ist alles ein bisschen kompliziert.“ Es ist spürbar, dass Saleh diese Information bewusst gibt, damit aber gleichsam auch einen Punkt setzt, der Nachfragen ausschließt. Da ist sie wieder, diese Geradlinigkeit, die ihn auszeichnet.

Nun, wo der Lernaufwand für seine Prüfung vorbei ist, hat Saleh wieder mehr Zeit für andere Dinge. Dazu gehört das Netzwerktreffen aller Bündnisse von „Willkommen im Fußball“ Anfang November in Berlin, bei dem er auf dem Gelände von Hertha BSC bei einem Workshop auch viele andere Trainerinnen und Trainer trifft. Gemeinsam lernen sie, wie sie im Training Impulse für Inklusion und für Geschlechtergerechtigkeit setzen können und reflektieren die eigene Trainingspraxis. Außerdem üben sie sich in neuen Sportarten wie Touch Rugby oder Ultimate Frisbee, wobei Fair Play im Mittelpunkt steht. So in Dialog zu kommen, dafür kann der junge Mann sich begeistern. Deswegen gehört zu den schönen Erlebnissen der letzten Wochen eine Fahrt mit dem Landessportbund nach Frankreich, wo er und seine Kollegen Workshops rund um das Thema Fußball gaben.

Saleh im Gespräch mit Autorin Mara Pfeiffer. ©DKJS/ Clemens Hess

Zugleich ergibt sich so aus einer Sache immer fast organisch die nächste: In der nächsten Zeit wird Saleh sich ganz intensiv um eine Lehrstelle als Kaufmann für Büromanagement ab nächstem Jahr bewerben. Außerdem belegt er Kurse, um sein Französisch zu verbessern und Englisch zu lernen. „Ich möchte mich mit den Leuten in Frankreich noch besser verständigen.“ Die Kurse bezahlt er selbst von seinem Ersparten. „Das ist schon ein bisschen teuer, aber gut investiert“, findet Saleh, dem Sprachen liegen.

Die Tatsache, dass ihm gerade Deutsch besonders leichtfiel, mag dabei geholfen haben, dass er sich hier schnell einlebte. Nach nun fast fünf Jahren, antwortet er auf die Frage, ob er sich ganz und gar am richtigen Platz fühle mit einem Ja – gefolgt von einer Pause. „Es ist schwierig mit den Kulturen“, sagt Saleh. Man müsse vieles verändern, auch an sich selbst. „Hier behandelt man sich mit Respekt, dort nicht. Wenn in Syrien der Sohn von einem Polizisten Fußball nicht gut spielt, gibt der Vater dem Verein Geld. Ein armer Junge kann dann nicht spielen. Hier ist das alles ganz anders.“ Auch der Umgang mit der Familie sei in diesem Umfeld enger, offener geworden – und all das trägt dazu bei, dass er sich sehr wohlfühlt in diesem Leben. Von dem Land, in das er sich einst als Flüchtling aufmachte, hatte er damals keine Vorstellung. „Aber ich finde, ich bin komplett hier angekommen“, sagt Saleh mit großem Ernst, dabei lächelt er.

Und nur wenige Tage nach dem Treffen erfährt Saleh einen weiteren Grund, um zu strahlen: Er ist nominiert als einer der „Sporthelden des Jahres“ aus Rheinland-Pfalz und wartet nun gespannt auf den 22. Dezember, wenn feststeht, wer den Titel gewinnt.

"Willkommen im Fußball" ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und der DFL Stiftung. Mehr zur Beitragsserie über Saleh und zu „Willkommen im Fußball“ erfahrt Ihr hier.

Autorin: Mara Pfeiffer
Bildnachweis: DKJS/ Clemens Hess

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