Teil 2/3: Saleh aus dem Mainzer „Willkommen im Fußball“-Bündnis

Saleh wurde in das Leben als Geflüchteter bereits hineingeboren. Um seine Träume zu verwirklichen, hat er von klein auf Verantwortung für sich und andere übernommen.

„Den eigenen Traum erarbeiten“

„Ich bin als Flüchtling geboren. Ich kenne nur dieses Leben.“ Saleh stutzt über die verwunderten Gesichter. Hat er es nicht längst erzählt? Gemeinschaftliches Kopfschütteln bei der Autorin und Ronald Uhlich von „Ente Bagdad“. Einen Moment hält der Jugendliche inne, bevor er beginnt zu erzählen: Seine Eltern sind aus Palästina geflohen. Er war bereits per Geburt in Syrien als Flüchtling anerkannt, als Kind einer Familie, für die jenes Land immer nur vorübergehendes Zuhause war. In Deutschland sind sie als Staatenlose anerkannt.

Nachdenkliche Stille senkt sich über den Tisch. „Und als was fühlst Du dich?“, fragt schließlich Ronald Uhlich. Saleh antwortet, ohne zu zögern. „Als Palästinenser.“ Wieder Stille, in der Gedanken aufgearbeitet werden darüber, wie das ist. Eine gefühlte Heimat zu haben, die man noch nie gesehen hat – nicht zu wissen, ob man sie jemals besuchen kann.

Es sind sensible Themen, die Saleh anspricht. Weil das Leben in Deutschland weit weg ist von dem, was er und seine Familie erlebt haben. Und trotzdem geht es plötzlich um die Flucht, gerannte Kilometer im Wald und das Geld, das Hände wechselte, damit der Weg nach Europa möglich wurde. All die Strapazen, die Angst. Momente, in denen man nicht weiß, wie es weitergehen wird.

Saleh beobachtet und lächelt. Er hat seinen ersten Tag als Praktikant bei der AOK Rheinland-Pfalz/ Saarland hinter sich – das ist es, was ihn beschäftigt. Natürlich haben die Erlebnisse der Flucht ihn nicht losgelassen, doch gerade sind andere Dinge wichtig. Es scheint, erzählt er mit amüsiertem Grinsen, als habe man bei der AOK Rheinland-Pfalz/ Saarland gedacht, er sei ein Spieler des FSV Mainz 05, der nun ein paar Tage auf der Geschäftsstelle der Krankenkasse arbeite. Seine Bewerbung hat er im Berufsvorbereitungskurs verfasst, der vom Verein mitgetragen und im Mainzer „Willkommen im Fußball“-Bündnis angeboten wird, so erklärt sich das wohl, vermutet Saleh. Er lacht, hofft, es sei keine Enttäuschung gewesen, als „nur“ er in der Tür stand.

In den kommenden Tagen betreut er die Social-Media-Kanäle der AOK Rheinland-Pfalz/ Saarland, nimmt die Followerinnen und Follower mit in seinen Alltag als Praktikant. Davon erzählt er mit großer Ernsthaftigkeit. Es macht ihm Spaß, sich in neue Themen und Aufgaben einzuarbeiten, das ist spürbar. Die abwechslungsreichen vergangenen Monate waren darum sehr aufregend für ihn: sein Schulabschluss, der Abschluss des Berufsorientierungskurses sowie die Teilnahme an gleich mehreren Turnieren, wie z.B. dem „Willkommen im Fußball“-Cup 2019 in Berlin.

Besonders prägend war seine Trainerausbildung für die C-Lizenz in Edenkoben. Salehs Augen beginnen zu leuchten, wenn er davon erzählt. Technikübungen, Kondition, Taktik, die zu dieser Saison neu hinzugekommenen Regeln, das sind Themen, mit denen er sich in dem Lehrgang beschäftigt hat. Auch zum Umgang mit Spielerinnen und Spielern, beispielsweise in Frustsituationen, hat er viel Neues gelernt. Für die Prüfung im Herbst fühlt Saleh sich gut gerüstet.

In der Praxis kann er sein neu erworbenes Wissen bereits anwenden: Da der bisherige Trainer seiner Mannschaft bei Ente Bagdad aus persönlichen Gründen eine Auszeit nimmt, ist Saleh plötzlich gemeinsam mit Shahram (20) und Basaeef (19) Trainer. Zwar wollen sie alle auch weiterhin kicken, haben sich aber vorgenommen, mindestens einer von ihnen soll bei den Spielen an der Seitenlinie stehen. „Das kriegen wir hin“, erklärt Saleh zuversichtlich.

Die neue Aufgabe reizt den jungen Mann und erfüllt ihn mit Stolz. „Ich muss jetzt etwas ernster mit den Jungen umgehen, damit sie das Training nicht mit Spaß verwechseln“, erklärt er. Einen Moment, in dem ihm die Aufgabe zu groß erschien, habe es nicht gegeben. Vielleicht liegt das daran, dass Saleh von klein auf Verantwortung für Menschen in seinem Umfeld übernommen hat. „Ich bin schon immer bei Kindern beliebt“, erklärt er einen Grund dafür. Da die Jüngeren sich immer nach ihm richteten, wurde es ihm selbstverständlich, sich als Vorbild zu verhalten. Auch in der Familie wurde er früh der Organisator. „Das passt zu mir“, sagt er bescheiden.

Vielleicht trägt dieser Teil seiner Biografie dazu bei, dass Saleh so zuversichtlich in die Zukunft schaut. Er hat, das klingt banal und ist doch sehr wahr, sein Schicksal stets in die eigenen Hände genommen und dabei nicht nur für sich, sondern auch andere gesorgt. In den nächsten Monaten will er, die Erfahrung des Berufsvorbereitungskurses im Rücken, weitere Praktika absolvieren und Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz ab nächsten Herbst schreiben.

Fühlt er sich denn wohl hier, angenommen? Oder macht der aktuelle gesellschaftliche Wandel ihm auch Angst vor dem, was kommen wird? Salehs Gesicht wird nachdenklich. Er erzählt von einem Mann, der ihm am Bahnhof sagte, Deutschland werde alle Geflüchteten zurückschicken – ihm ist anzumerken, die Begegnung beschäftigt ihn noch. Oder jene Frau, die in einer Pizzeria zu ihm sagte, er gehöre hier nicht her. Doch da waren andere, die seine Partei ergriffen. Das ist es, was hängenbleibt, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn der manchmal hart ist.

Diesen Weg geht er weiter, Schritt für Schritt. Ein wenig auch für seinen Wunsch, dass er, wird der Traum der Einbürgerung wahr, mit dem Pass der neuen Heimat Deutschland in die ihm unbekannte – Palästina – reisen darf. „Das ist ein Ziel, ja“, nickt er, und wieder leuchten seine Augen. Eines in weiter Ferne zwar, aber es gibt ja auch solche, die direkt vor ihm liegen. Wie Abschlussprüfungen im Herbst in Edenkoben, für die er ordentlich büffelt. Als Fußballtrainer zu arbeiten, nicht nur für den Moment, sondern auch in der etwas ferneren Zukunft, ist nämlich auch so ein Ziel. Und Saleh ist einer, der seine Ziele erreicht.

Mehr zur Beitragsserie über Saleh und zu „Willkommen im Fußball“ erfahrt Ihr hier.

Autorin: Mara Pfeiffer

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