Über den Tellerrand des Fußballs hinaus

Trainerinnen und Trainer mit und ohne Fluchthintergrund aus den „Willkommen im Fußball“-Bündnissen hatten am 08. November 2019 die Chance, sich auf dem Gelände des Olympiastadions in Berlin zu ihrer Praxis auszutauschen. Carmen Grimm vom Programm „Willkommen im Fußball“ – und selbst auch Trainerin – leitete den Workshop mit der Unterstützung von Referentinnen und Referenten aus lokalen Frisbee- und Touch-Rugby-Vereinen.

Wer hat an dem Trainerinnen- und Trainer-Workshop teilgenommen?
Carmen Grimm: Zum Workshop sind ca. 20 Trainerinnen und Trainer aus verschiedenen Teilen Deutschlands angereist. Besonders gefreut haben wir uns über die erstmalige Teilnahme einiger junger Trainer, die bis vor Kurzem als Fußballspieler bei „Willkommen im Fußball“ aktiv waren und nun in die Trainerrolle hineinschnuppern und allmählich mehr Verantwortung in ihren Vereinen übernehmen. Fast alle Angereisten trainieren Teams, in denen Teilhabe und Zusammenkunft an erster Stelle stehen, deren Ausrichtungen aber durchaus sehr unterschiedlich sind. Beispielsweise trainieren die Nachwuchs-Coaches in Bremen Kinder mit und ohne Handicap im Rahmen inklusiver Feriencamps. Andere Teams nehmen am regulären Spielbetrieb teil und spielen um den Aufstieg. In Dortmund sind die Trainings hingegen an Nachhilfestunden und gemeinsame Freizeitgestaltung gebunden.

Wo fand der Workshop statt und wie hast Du das Programm/ den Ablauf gestaltet?
Carmen Grimm: Für den Workshop hat uns Hertha BSC auf das Olympiagelände in Berlin eingeladen, wo wir die vielen Praxiselemente auf dem Trainingsgelände und den Austausch im Presseraum bestens verbinden konnten. Im Berliner Olympiastadion ist das Flair des Profi-Fußballs aber nie ungebrochen. Als Stadion, das für die Olympischen Spiele 1936 als propagandistisches Mittel gebaut wurde, erinnert es immer auch daran, den (Profi-)Sport auf seine politischen und gesellschaftlichen Implikationen zu prüfen. Gerade für die Arbeit mit Trainerinnen und Trainern ist der Verweis auf die politischen Rahmenbedingungen und die Ausschlüsse des Sports, aber auch die Formen des Gegenprotests, die sich in Stadien, durch Faninitiativen oder über andere Sportbereiche formieren und ausdrücken können, wichtig.

Welchen inhaltlichen Fokus hast Du im Workshop gesetzt?
Carmen Grimm: Für „Willkommen im Fußball“ ist es wichtig, den Sport so zu nutzen, dass er Begegnung und informelles Lernen sowie Wege zu Wellbeing und Teilhabe ermöglicht. Wir wissen aber auch, dass über den Fußball oft auch diskriminierendes, abstrafendes oder zumindest hierarchisches Verhalten transportiert wird. Es ist uns daher ein großes Anliegen, gemeinsam mit Trainerinnen und Trainern zu diskutieren, wie Fair-Play sowie Teilhabe- und Entfaltungsmöglichkeiten für mehr Personengruppen und diverse Lebensentwürfe im Fußball gelingen können. Die Trainings, die meist das Kernstück der Vereinsarbeit darstellen, sind dafür ein wichtiges Lernfeld, Trainerinnen und Trainer die wichtigsten Multiplikatorinnen und Multiplikatoren demokratischer, respektvoller und kreativer Ideen.

Welche Sportarten hast Du für die Vermittlung dieser Kompetenzen ausgewählt?
Carmen Grimm: Um zu überlegen, wie Fairplay und Teilhabe in der konkreten Trainingspraxis thematisiert und umgesetzt werden können, haben wir uns entschieden, über den Rand des Fußballs zu schauen. Denn: Andere Teamsportarten basieren auf einem „Spirit of the Game“, also einer Spielphilosophie, die von vornherein Inklusion und Konkurrenz anders entwirft als der herkömmliche Fußball und damit spannende Anknüpfungspunkte für eine inklusivere Sportpraxis bieten kann. Wir haben uns erstens mit „Ultimate Frisbee“ beschäftigt, einem Sport, in dem alle Spielenden auch als Schiedsrichtende fungieren und eine Feedback-Kultur in den Vordergrund rückt. Wie auch im „Touch Rugby“, der zweiten Sportart des Tages, wird hier auf wenig Körperkontakt und auch auf geschlechterübergreifendes Spielen gesetzt. Zuletzt haben wir den Sport „Colpbol“ aus Valencia kennengelernt, der das Miteinander und das Koordinative vor Schnelligkeit, Kraft und Technik stellt und damit versucht, Spielanteile gerecht aufzuteilen. Spannend und knifflig wurde es vor allem bei den Überlegungen, die Elemente aus den Sportarten auf die konkrete fußballerische Trainingspraxis zu übertragen und mit den Erfahrungen und den mitgebrachten Fußballübungen aus den Bündnissen zusammenzuführen.

Wie waren die Rückmeldungen der Teilnehmenden?
Carmen Grimm: Am Ende waren die Teilnehmenden ausgestattet mit neuen Anstößen für ihre Trainings. So gab es am Ende einen richtigen Fundus an konkreten Übungen und Hinweisen für eine Haltung auf und neben dem Platz, die Wettkampf zwar wichtig findet, aber auch kritisch hinterfragt. Viele der Trainerinnen und Trainer haben sich von den anderen Sportarten inspiriert gefühlt und wünschen sich weitere Ideen für Trainingsgestaltung und Teamleitung „von außen“. In der Aktivierung von Inhalten, dem gegenseitigen Befruchten von Fußballpraxis und anderen Bildungs- und Sportbereichen sehen wir zukünftige Aufgaben von „Willkommen im Fußball“. Klar wurde aber auch: Der Fußball ist das verbindende Element der Mitglieder unseres Netzwerks.

Hertha BSC, CHAMPIONS ohne GRENZEN e.V. und der SC Siemensstadt e.V. sind Partner im „Willkommen im Fußball“-Bündnis Berlin-Hertha. „Willkommen im Fußball“ ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Weitere Informationen zum Programm „Willkommen im Fußball“ gibt es hier.

Bildnachweis: CC BY-SA 4.0 ©DKJS/ Sebastian Gabsch

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