Stiftungspate Manuel Neuer im Interview

Gesellschaftliches Engagement im Profifußball – Im Gespräch mit Manuel Neuer

Manuel Neuer von Bundesliga-Rekordmeister FC Bayern München hat nahezu alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Das Leben des viermaligen Welttorhüters ist dennoch nicht nur dem Profifußball gewidmet. Der 1986 in Gelsenkirchen-Buer geborene Westfale denkt über das Spielfeld und das Stadion hinaus. Er engagiert sich seit 2010 mit der Manuel Neuer Kids Foundation und seit 2014 mit der DFL Stiftung für Kinder und Jugendliche. Ein Gespräch über Engagement, Herausforderungen und Verantwortung.

Manuel, wie hast Du die letzten Wochen zwischen dem Lockdown mit all seinen Konsequenzen und der Wiederaufnahme des Spielbetriebs erlebt?

So eine Situation hat keiner von uns bisher erlebt. Plötzlich verändert sich der ganze Alltag, mit großen Einschränkungen, Unsicherheiten und Sorgen für viele Menschen. Wie jeder andere musste auch ich lernen, erst einmal ohne soziale Kontakte zu leben, bin zu Hause geblieben und habe viel im „Home Office“ trainiert. Als sich abzeichnete, dass die Lockdown-Maßnahmen wirken und auch die Fortsetzung der Bundesliga möglich ist, habe ich mich als Fußballspieler natürlich sehr gefreut – trotz vieler kritischer Stimmen. Ich finde, das hat richtig gut und verantwortungsvoll funktioniert und dafür gebührt allen Beteiligten großer Dank.

„Es bedarf keiner Krise und keines Scheinwerferlichts, um sich zu engagieren, vielmehr braucht es eine innere Überzeugung und auch Bereitschaft, sich ernsthaft mit gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen und dafür einzustehen.”

Die Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga sowie viele Spieler haben sich auch in den vergangenen Wochen und Monaten gesellschaftlich engagiert. Wie hast Du das wahrgenommen?

Spieler und Clubs sowie DFL und DFB mit ihren Stiftungen engagieren sich ja nicht erst seit Corona! Allerdings hat der gesellschaftliche Einsatz des Fußballs in den letzten Monaten eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, auch aus der öffentlichen Erwartung heraus, dass speziell wir Spieler Zeichen setzen. Eigeninitiativen aber ebenso die breite Unterstützung des FC Bayern für von Corona betroffene Amateurvereine in Bayern sind gute Beispiele dafür, dass der Fußball in dieser Notlage Verantwortung zeigt. Wenn man sich mit dem gesellschaftlichen Einsatz des Fußballs beschäftigt, findet man viele wirkungsorientierte Ansätze, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen, auch über Corona hinaus und oftmals ohne öffentliche Kenntnisnahme. Es bedarf also keiner Krise und keines Scheinwerferlichts, um sich zu engagieren, vielmehr braucht es eine innere Überzeugung und auch Bereitschaft, sich ernsthaft mit gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen und dafür einzustehen. Ich fände es gut, wenn sich künftig immer mehr Spieler dafür entscheiden, sich für gesellschaftliche Belange einzusetzen und halte es für wichtig, in diesem Feld intensiv zu kooperieren, untereinander, aber auch sektorenübergreifend.

Manuel Neuer zu Besuch im MANUS.
Vor Ausbruch der Pandemie: Manuel Neuer zu Besuch im MANUS.

Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor große Herausforderungen. Du betreibst mit der Manuel Neuer Kids Foundation und weiteren Partnern wie der DFL Stiftung das MANUS, ein Kinderhaus in Deiner Heimat Gelsenkirchen. Wie habt Ihr auf das Virus und die damit einhergehenden Einschränkungen reagiert?

Normalerweise nehmen täglich bis zu 70 Kinder und Jugendliche die Angebote des MANUS wahr. Das war Mitte März plötzlich nicht mehr möglich, wir mussten das Haus für zwei Monate schließen. In dieser Zeit war es wichtig schnell zu reagieren: Wir haben online Anreize zur Lösung von Hausaufgaben geliefert, außerdem gesunde Rezepte, Sportanregungen und Bastelideen. Unsere Kids wurden eingeladen, per Post, Mail oder Telefon mit unserem MANUS-Team im Kontakt zu bleiben. Seit Mitte Mai haben wir das MANUS wieder teilgeöffnet, bis zu 25 Kinder und Jugendliche können nach vorheriger schriftlicher Anmeldung ins MANUS kommen und werden bei Hausaufgaben oder „Home-Schooling“ betreut. Auch einzelne Musikprojekte und anderweitig künstlerisch-kreative Aktivitäten sind wieder möglich. Wann wir unser komplettes Angebot umsetzen und wieder mehr Besucher empfangen können, hängt natürlich von den weiteren Entwicklungen ab.

Welchen Schwierigkeiten seht Ihr Euch mit dem MANUS gegenüber?

Ich sehe zwei wesentliche Herausforderungen: Einerseits sind wir bezüglich der Bereitstellung unserer Angebote weiterhin abhängig von Entscheidungen der Politik, die natürlich vor dem Hintergrund der Entwicklungen der Pandemie fallen müssen. Daran müssen wir uns orientieren. Zugleich stellen wir fest, dass die Kinder und Jugendlichen gerade jetzt Unterstützung brauchen, die wir ihnen nur eingeschränkt anbieten können. Bei diesem Spagat ist viel Kreativität und vor allem intensive Kommunikation gefragt. Das gilt ebenso für den Austausch mit unseren Partnern, der auch in den letzten Wochen regelmäßig stattfand. Einige Partner sind aufgrund von Corona selbst in wirtschaftliche Schieflage geraten und mussten ihre Unterstützung kurzfristig zurückfahren, andere haben extra „Corona-Programme“ aufgesetzt, um gezielt zu helfen. Welche Folgen die anhaltende Krise langfristig für unsere Partnerschaften bedeutet, ist aktuell nicht absehbar. An dieser Stelle möchte ich allen Partnern – darunter auch die DFL Stiftung – meinen Dank aussprechen, die unsere Arbeit auch weiterhin unterstützen.

Viele Stiftungen und zivilgesellschaftliche Engagements leiden unter den finanziellen und strukturellen Folgen der Pandemie. Gibt es Dinge, die man aus dieser Zeit lernen und mitnehmen kann?

Die finanziellen Folgen könne wir heute natürlich nur erahnen, gepaart mit einem zu erwartenden Mehrbedarf an zivilgesellschaftlichem Engagement. Das birgt aber auch Chancen! Grundsätzlich ist es sinnvoll, möglichst unterschiedliche Förderer zu gewinnen, sodass der Ausfall eines einzelnen nicht die eigene Existenz gefährdet. Auch wir versuchen perspektivisch noch mehr Unterstützer aus dem direkten Umfeld des MANUS anzusprechen und für ein Engagement zu begeistern. Zudem halte ich Zusammenarbeit für sehr wichtig, um voneinander zu lernen und Synergien zu nutzen. So kooperiert unsere Stiftung vermehrt mit anderen fußballnahen gemeinnützigen Organisationen, um darüber auch neue Partner zu gewinnen. Hier haben das Kontaktverbot und die Alternative des Videomeetings aus meiner Sicht sogar Barrieren gesenkt, sich zusammenzufinden und regelmäßig auszutauschen.

Wie beurteilst du die inhaltlichen Aspekte? 

Da kann ich mir eine engere Verzahnung von Schule und außerschulischem Lernen vorstellen, sodass der Zugang zu Bildung aufrecht erhalten bleibt. Im MANUS haben wir zum Beispiel die Öffnungszeiten temporär so angepasst, dass Kids, die nicht in die Schule konnten, bei uns ihr „Home Schooling“ absolvieren konnten. Auch die digitalen Angebote haben sich als sinnvolle Ergänzung für unsere Aktivitäten im MANUS erwiesen, daran sollten wir anknüpfen. Allerdings wird dies nie den Kern unserer Arbeit abbilden können: Wir möchten einen sicheren Raum für junge Menschen schaffen, in dem sie sich frei entfalten können und individuell gefördert werden. Das ist nach meiner Überzeugung nur in der persönlichen Interaktion möglich.

„Als ich dann Fußballprofi wurde, war für mich klar, dass ich mich für benachteiligte Kinder einsetzen und ihnen etwas von dem ermöglichen möchte, was ich in meiner Jugend erhalten habe: Chancen und Perspektiven für mein Leben.”

Manuel Neuer als Protagonist der Kampagne "Strich durch Vorurteile"
Manuel Neuer war Teil der Initiative "Strich durch Vorurteile".

Du engagierst Dich seit rund zehn Jahren für Kinder und Jugendliche, hast 2010 die Manuel Neuer Kids Foundation ins Leben gerufen und bist seit 2014 Pate der DFL Stiftung, die sich ebenfalls für junge Menschen einsetzt. Was hat Dich zu diesem Weg bewogen?

Ich habe die Stiftung aus sehr persönlichen Motiven gegründet. Schon zu meiner Schulzeit in Gelsenkirchen habe ich bei Mitschülern erfahren, was es heißt, aus sozial schwachem Umfeld zu kommen. Es fehlte an so vielem. Damals konnte ich nicht viel helfen, nur mein Pausenbrot teilen. Als ich dann Fußballprofi wurde, war für mich klar, dass ich mich für benachteiligte Kinder einsetzen und ihnen etwas von dem ermöglichen möchte, was ich in meiner Jugend erhalten habe: Chancen und Perspektiven für mein Leben. Mit der Stiftung konnten mein Team und ich in den letzten zehn Jahren einige junge Menschen dabei unterstützen, ihre Potenziale zu entdecken. Geholfen haben hier auch Partner wie die DFL Stiftung, die sowohl Initiativen wie das Kinder- und Jugendhaus MANUS lokal unterstützt als auch bundesweit auf gesellschaftlich relevante Themen aufmerksam macht und Stellung bezieht, zum Beispiel mit der Initiative „Strich durch Vorurteile!“. Als ich gefragt wurde, ob ich Pate der DFL Stiftung werden möchte, habe ich nicht gezögert: Ich bin ein Kind der Bundesliga und finde es wichtig, sich gemeinsam für gesellschaftliche Entwicklungen einzusetzen. 

Nun entsteht bereits ein zweites MANUS Kinderhaus und Deine Stiftung feiert bald ihr zehnjähriges Bestehen. Gib uns bitte einen Einblick in Eure Pläne: Wie geht es weiter?

Nachdem wir mit dem MANUS in Gelsenkirchen viel Erfahrung gesammelt haben, gehen wir den nächsten Schritt mit einer weiteren Einrichtung in Bottrop-Welheim, einem lokalen Brennpunkt im Herzen des Ruhrgebiets. Angrenzend an einen Sportverein und eine Schule sind wir dort nah an der Zielgruppe dran. Die lokalen Herausforderungen unterscheiden sich nicht wesentlich zu anderen strukturschwachen Kommunen im Ruhrgebiet, sodass unser pädagogisches Konzept des MANUS in Gelsenkirchen-Buer eine gute Grundlage für den Bottroper Ansatz bietet. Wir planen die Eröffnung im Herbst 2020 und feiern damit doppelt Geburtstag. Darüber hinaus werden wir unser Zehnjähriges mit einer kleinen Sommerkampagne aufgreifen, die Meilensteine unserer Arbeit sowie wichtige Wegbegleiter vorstellt, auch um ihnen zu danken. Mehr ist erstmal nicht geplant, auch coronabedingt. Letztlich möchten wir unsere Ressourcen vor allem dafür nutzen, jungen Menschen Rückhalt zu geben. Darum geht es mir mit der Stiftung und das ist das, was mich glücklich macht.


Kinder- und Jugendhaus MANUS

Seit 2014 engagiert sich die Manuel Neuer Kids Foundation operativ als Träger des MANUS, einer offenen Kinder- und Jugendeinrichtung in Gelsenkirchen-Buer. Junge Menschen erhalten dort gezielt Unterstützung, um ihre Fähigkeiten individuell entfalten und weiterentwickeln zu können. Außerhalb der regulären Schulzeit können sie Bildungsangebote und erlebnispädagogische Aktivitäten wahrnehmen und erhalten regelmäßige Mahlzeiten. Ein professionelles Team aus Sozialarbeitern und Erziehern kümmert sich täglich um die Belange von bis zu 90 Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren.  Im Herbst 2020 wird eine weitere Einrichtung in Bottrop eröffnet.

Mehr Informationen findet Ihr hier

Fotonachweise: DFL/Getty; MNKF

mhadamzik

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