Interview zur wissenschaftlichen Begleitung von Lernort Stadion

Ein Gespräch mit Anja Besand, Tina Hölzel und David Jugel über zwei Jahre der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes "Lernort Stadion" durch das Zentrum für inklusive politische Bildung. 

Was ist das ZipB, was kann man sich darunter vorstellen?

Tina Hölzel: Das ZipB ist ein lernendes Forschungszentrum, das sich im Fokus mit politischen Bildungsangeboten unter der Perspektive von Inklusion auseinandersetzt. Im wesentlichen Arbeiten wir dabei als Berater*innen für Praktiker*innen und als Forscher*innen, die sich Bildungspraxis genauer ansehen und diese weiterentwickeln wollen. Dabei ist es uns besonders wichtig bei unseren Prozessen immer sehr eng mit Praktiker*innen zusammenzuarbeiten.

David Jugel: Wir arbeiten dabei kooperativ. Das heißt zum Beispiel, dass wir nicht mit einem fertigen Inklusionsverständnis an unsere Praxispartner*innen herantreten. Stattdessen haben sich die Lernzentren selbst intensiv mit Inklusion auseinandergesetzt und sich gemeinsam mit uns auf ein weites Inklusionsverständnis geeinigt.

Was ist Lernort Stadion und wieso habt ihr euch entschieden, dieses Projekt wissenschaftlich zu begleiten?

Anja Besand: Das Projekt Lernort Stadion war für uns interessant, weil es eines der wenigen Projekte im Bereich der politischen Bildung ist, das aus unserer Sicht bereits über entwickelte Erfahrung mit inklusiven Lernprozessen verfügt und das ganz unabhängig davon, ob es selbst diesen Begriff zur Beschreibung seiner Arbeit gewählt hat oder nicht. Das Stadion ist ein hochinklusiver Ort, der es möglich macht ganz unterschiedliche Zielgruppen gleichzeitig anzusprechen. Wir waren sicher - und das hat sich auch bewahrheitet -, dass wir als Zentrum von diesem Projekt sehr viel lernen können.

Welche gesellschaftspolitischen Herausforderungen nimmt Lernort Stadion in den Blick?

Tina Hölzel: Wie Frau Besand gerade schon angesprochen hat, wendet sich Lernort Stadion besonders jenen Schüler*innen jenseits des Gymnasiums zu, die sonst eher selten oder gar nicht von Angeboten der (politischen) Bildung adressiert werden. Der Blick in die Praxis politischer Bildung zeigt, dass zwar oft der Anspruch besteht alle Jugendlichen anzusprechen, aber nur selten dieses Ziel auch erreicht wird. Bei Lernort Stadion verhält sich das anders: hier wird bewusst mit Zielgruppen aus Haupt-, Real- und Förderschulen zusammengearbeitet. Dazu wird der besondere Ort des Stadions und das Narrativ „Fussball“ genutzt, um offene und positive Erlebnisse für die sonst oft ausschlusserfahrenen Jugendlichen zu schaffen. Lernort Stadion greift folglich die Herausforderung auf, gerade jene Menschen anzusprechen, die von der Gesellschaft eher ausgeschlossen werden und kaum Zugänge zu Angeboten und positiven Erlebnissen haben. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Leistung, gerade weil eben diese Jugendlichen oft als „schwierig“ stigmatisiert werden und aufgrund ihrer negativen Vorerfahrungen mehr Mühe, Engagement und Offenheit benötigen als andere.
Darüber Hinaus widmet sich Lernort Stadion mit dem Aufgabenfeld der politischen Bildung einem Bereich, der aktuell im Bildungssektor als besonders herausforderungsreich und zugleich wichtig beschrieben werden kann. In Zeiten von zunehmender Polarisierung und rechter Radikalisierung in Deutschland und Europa wird es nicht einfacher Jugendliche für politische Themen und Fragen zu öffnen und kontrovers mit ihnen zu denken und diskutieren. Lernort Stadion setzt jedoch genau an dieser Stelle an und geht in den demokratischen Diskurs mit den Jugendlichen, um Antworten auf die Frage nach dem gemeinsamen Zusammenleben zu finden und gemeinsam die emotionalen Debatten der Gesellschaft einzufangen.

"Lernort Stadion greift folglich die Herausforderung auf, gerade jene Menschen anzusprechen, die von der Gesellschaft eher ausgeschlossen werden und kaum Zugänge zu Angeboten und positiven Erlebnissen haben."

WIE SAH DIE BEGLEITUNG ÜBERHAUPT AUS?

David Jugel: Eine wissenschaftliche Begleitung im Kontext von Inklusion zu gestalten, ist gar nicht so leicht, denn ein solcher Zugang birgt neue Ansprüche, die sich auch auf die Gestaltung des Forschungsprozesses sowie die Rollen der Beteiligten am Forschungsprozess auswirken. Wir haben für die wissenschaftliche Begleitung daher ein für politische Bildungsforschung eher unbekanntes und innovatives Format gewählt. Es handelt sich um ein Zusammenwirken von den Forschungsstilen der Partizipativen Forschung und dem Design Based Research. Dabei geht es darum in enger Kooperation mit den Teamer*innen vor Ort Bildungsformate zu konzipieren, auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Auch die Teilnehmer*innen haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. So konnten wir durch die Teilnahme an den Workshops nicht nur wertvolle Beobachtungen machen, sondern auch die Schüler*innen sehr gut kennenlernen und sie uns. Dieses intensive Kennenlernen und gegenseitige Vertrauen führte dazu, dass die Schüler*innen uns gegenüber sehr offen und konstruktiv über ihre Einschätzungen und Erfahrungen im Stadion sprachen. Mithilfe der Ergebnisse konnten in mehreren Überarbeitungsdurchgängen immer ausschlussärmere Formate entwickelt werden. Neben zwei Standorten, die auf diese Weise intensiv begleitet wurden, konnten auch wichtige Erkenntnisse durch die Befragung aller Standorte gemacht werden. Besonders fruchtbar erschien dabei der Austausch aller Lernzentren auf den bundesweiten Treffen, in denen alle gemeinsam an inklusiven Fragestellungen diskutierten.

DIE ERGEBNISSE HABT IHR IN EINER PUBLIKATION ZUSAMMENGESTELLT. DER TITEL: „INKLUSIVES POLITISCHES LERNEN IM STADION”. WAS VERSTEHT IHR DARUNTER?

David Jugel: Wir verstehen darunter einen vielschichtigen Prozess, der es allen Teilnehmenden ermöglicht an diesem besonderen Ort teilzuhaben und zu lernen. Dabei geht es darum allen Bedürfnissen in ihrer Verschiedenheit gerecht zu werden. Ziel ist es, politische Lernprozesse am Lernort Stadion so zu gestalten, dass keiner außen vor bleibt. Dafür ist es nicht nur notwendig, entsprechende Methoden weiterzuentwickeln und einzusetzen. Das Projekt hat auch gezeigt, wie wichtig diagnostische Instrumente sind, die es den Bildner*innen erlauben Bedürfnisse, Erwartungen, Lebenswelten und Lernausgangslagen der Schüler*innen kennenzulernen. Es hat sich gezeigt, dass Methoden nur dann gelingen, wenn sie entsprechend solcher diagnostischen Erkenntnisse angepasst werden. Dabei zeigt sich, dass für ein inklusives politisches Lernen nicht nur didaktische und methodische Überlegungen notwendig sind, sondern auch eine offene Einstellung, umfangreiche Kompetenzen der Bildner*innen und strukturelle Voraussetzungen – wie Zeit für Reflexionsprozesse, Unterstützungsnetzwerke und flexible Planungsmöglichkeiten. Die Lernzentren haben für diesen Prozess nicht nur gute Voraussetzungen mitgebracht, sondern konnten sich auch in der Zeit der Begleitung bedeutend weiterentwickeln.

 

IHR HABT ZENTRALE ERKENNTNISSE IN DER PUBLIKATION ALS AHA-MOMENTE MARKIERT. WAS WAREN EURE GRÖSSTEN AHA-MOMENTE?

Anja Besand: Wirklich begeistert hat uns wie offen das Projekt sich uns gegenüber gezeigt hat und wie tief wir in die pädagogischen Prozesse hineinschauen durften. Das ist nicht selbstverständlich. In der pädagogischen Forschung erlebt man es tatsächlich oft, dass man nur den Zuckerguss gezeigt bekommt. Das war bei dieser Begleitung nicht der Fall. Sowohl die Teamer*innen als auch die Jugendlichen haben sich voll auf uns eingelassen. Das ist letztlich auch der Grund, dass alle Seiten von dieser Begleitung sehr profitieren konnten.

Tina Hölzel: Neben dieser Offenheit waren wir auch besonders begeistert davon wie gut der Ort des Stadions funktioniert. Auch wenn das Thema “Fußball” bzw. “Sport” nicht immer alle Jugendlichen positiv abholen oder ansprechen kann, schafft es der besondere Ort des Stadions (nahezu) alle Schüler*innen zu begeistern und ihnen eine besonders große Wertschätzung entgegenzubringen. Lernort Stadion befindet sich folglich genau an der richtigen Schnittstellen, um politische Bildung, Lebenswelten und Interessen von Jugendlichen mit Wertschätzung zu verknüpfen und so inklusive Lernprozesse anzustoßen.

David Jugel: Ein weiterer wichtiger AHA Moment bestand darin, dass sich aus dem Begleitungsprozess Modelle ergeben haben, die es im Praxisalltag erlauben politische Bildungsformate unter inklusiven Gesichtspunkten zu konzipieren oder weiterzuentwickeln. Diese Modelle haben wichtige Aspekte von inklusiver politischer Bildung für die Praxis beschrieben.

 

"… WIE GUT DER ORT DES STADIONS FUNKTIONIERT. AUCH WENN DAS THEMA “FUSSBALL” BZW. “SPORT” NICHT IMMER ALLE JUGENDLICHEN POSITIV ABHOLEN ODER ANSPRECHEN KANN, SCHAFFT ES DER BESONDERE ORT DES STADIONS (NAHEZU) ALLE SCHÜLER*INNEN ZU BEGEISTERN UND IHNEN EINE BESONDERS GROSSE WERTSCHÄTZUNG ENTGEGENZUBRINGEN."

WORUM GEHT ES BEI DIESEN MODELLEN?

David Jugel: Ganz deutlich wurde beispielsweise, dass Lernen im Projekt nicht durch eine Anhäufung von Fakten und Wissen stattgefunden hat, sondern durch den regen Austausch der Schüler*innen in aktiven und handlungsorientierten Übungen. Wichtige Voraussetzung für das Gelingen solcher Übungen waren Anerkennungskulturen. Nicht nur den Teamer*innen gelingt es häufig Wertschätzung und Respekt zu zeigen und unter den Teilnehmer*innen zu vermitteln. Auch der Zugang zum Stadion selbst wird bereits von den Schüler*innen als Privileg wahrgenommen. Als ein weiteres Kernelement für inklusive politische Bildung hat sich die Kooperation an einem gemeinsamen Prozess und einem gemeinsamen Ziel herausgestellt. Abhängig von der Beziehungsstruktur haben sich konkurrierende Übungen hingegen als problematisch herausgestellt. Ein vor allem für die politische Bildung völlig neuer Impuls und damit bedeutender AHAMoment bestand in der Erkenntnis über das richtige Verhältnis zwischen der Bindungsstruktur und der Auswahl von politischen Themen. Es hat sich hier gezeigt, dass zwar lebensweltnahe Themen für die Schüler*innen immer von Bedeutung sind, dass diese aber nur dann von den Schüler*innen diskutiert werden wollen, wenn die Gruppe eine gute Bindung hat, sie sich also sicher fühlen, sich gegenseitig vertrauen und eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung herrscht. Die Identifizierung der richtigen Themen entsprechend der gegeben Bindungsstruktur ist eine zentrale Aufgabe von diagnostischen Verfahren und bildet damit eine zentrale Herausforderung für inklusive politische Bildung. Auch dafür konnte gemeinsam mit den Teamer*innen ein Hilfsinstrument in Form eines Modells entwickelt werden.

WAS MACHT LERNORT STADION ALS BILDUNGSPOLITISCHES PROJEKT EINZIGARTIG?

Tina Hölzel: Ganz zentral und einzigartig ist sicherlich der Ort des Stadions. Aber Lernort Stadion kann noch mehr! Wir möchten ein Alleinstellungsmerkmal besonders hervorheben und ermuntern daran festzuhalten: die besonderen Zielgruppen. Lernort Stadion schafft es Schüler*innen mit seinen Angeboten zu erreichen, für die sowohl in der Schule als auch außerschulisch kaum Angebote gedacht oder auch umgesetzt werden. Hier füllt Lernort Stadion eine Lücke und macht aufmerksam, dass sich die Auseinandersetzung mit jenen Schüler*innen jenseits des Gymnasiums lohnt. Der Weg über sportliche Themen ist dabei ebenso besonders und sollte in bewusster Form weiter genutzt werden, da er einen innovativen Weg zu schulisch oft institutionell vermittelten Themen des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens ebnen kann.

"Sich an einen nicht auf den ersten Blick hoch politischen Ort wie einem Fußballstadion zu wagen und hier politische Bildungsangebote zu etablieren, die dann auch noch den Weg über “Sport” oder “Fußball” nutzen, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch mutig."

WAS KÖNNEN ANDERE PROJEKTE VON LERNORT STADION LERNEN UND WIE KANN ODER MUSS SICH LERNORT STADION NOCH WEITERENTWICKELN?

David Jugel: Der Lernort Stadion schafft es besonders vorbildhaft kollektive Erfolgserlebnisse entlang von sozialen und gesellschaftlichen Themen zu ermöglichen. Dabei können sich die Schüler*innen in einem völlig neuen Raum jenseits der Schule und fern von Hierarchien und Leistungsdruck entfalten. Die Schüler*innen geraten dabei in ganz neue Rollen und verblüffen dadurch nicht selten die Teamer*innen und ihre Lehrer*innen. Gleichzeitig sind sie von ihren eigenen Leistungen nicht selten überrascht. Mir blieb eine Aussage einer Schülerin besonders in Erinnerung: “Das ist wie so ein geheimnisvolles Rätsel. Du machst Übungen, aber gleichzeitig ist das wie Unterricht.“ Von diesem performativen Lernen, was auf Offenheit und Vertrauen in die Schüler*innen beruht, können sicher viele andere Projekte was lernen.

Tina Hölzel: Ergänzen möchte ich noch, dass das Projekt auch zeigt: es lohnt sich mutige und neue Wege zur politischen Bildung zu gehen. Sich an einen nicht auf den ersten Blick hoch politischen Ort wie einem Fußballstadion zu wagen und hier politische Bildungsangebote zu etablieren, die dann auch noch den Weg über “Sport” oder “Fußball” nutzen, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch mutig. Ich hoffe, dass das Projekt mit diesem Ansatz auch noch weitere außerschulische und schulische Akteure inspirieren kann, neue Zugänge zu suchen und sich in bisher unerschlossenes Gebiet heranzutasten, um für Schüler*innen immer mehr Wege in die politische Bildung zu öffnen und zu zeigen, dass die Frage danach “wie wir gemeinsam leben wollen?” in sehr vielen Bereichen unseren Lebens steckt.

LERNORT STADION BIETET MIT SEINEN WORKSHOPEINHEITEN EHER KURZE BILDUNGSIMPULSE. KANN DAS ÜBERHAUPT ETWAS BEWIRKEN? WIE KANN EIN SOLCHES PROJEKT NACHHALTIG SEIN?

David Jugel: Das ist eine sehr gute Frage, die wir im Rahmen der Begleitung immer wieder auch mit den Teamer*innen diskutiert haben. Vor allem hinsichtlich der Nachhaltigkeit inklusiver Entwicklungsprozesse gab es zentrale Befunde. So wurde ganz deutlich, dass für inklusive Prozesse ausreichend Teamzeiten notwendig sind. Es braucht Zeit für Reflexion, Austausch, Auswertung diagnostischer Daten und für eine adaptive Anpassung der Methoden und Formate. Nicht selten sind Projekte so gestaltet, dass kaum Vor- und Nachbereitungszeiten finanziert werden. Daneben spielt natürlich die Qualifizierung der Teamer*innen eine wichtige Rolle. Entsprechende Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote sichern Kompetenzen, die für inklusive politische Bildung notwendig sind. Langfristige Finanzierung, gute Arbeitsbedingungen und ausreichende Zeiten neben den Angeboten selbst führen dann auch zu stabilen und qualifizierten Teams und stellen aus unserer Sicht den wichtigsten Grundpfeiler für Nachhaltigkeit inklusiver Prozesse dar.

Tina Hölzel: Bezieht man die Frage weiterführend auf eine pädagogische Nachhaltigkeit müssen noch andere Bereiche betrachtet werden. Die verschiedenen Standorte bieten sehr unterschiedliche Formate an und sicherlich gibt es für jedes zeitliche Format gute Gründe aber auch einschränkende Aspekte. Aus inklusiver Sicht gestalten sich sehr kurze, einmalige Formate tatsächlich schwierig. Das hängt mit Fragen der Bindung und Anerkennung zusammen, die wir bereits bei der Frage nach den Kernergebnissen erläutert haben. Um im inklusiven Kontext politisch bildnerisch zu arbeiten, muss eine gute Bindungsstruktur zwischen den Teamer*innen und Teilnehemer*innen sowie unter den Teilnehmer*innen selbst geschaffen werden – das braucht Zeit. Besonders dann, wenn man daran denkt, dass die Teilnehmenden oft zum ersten Mal an den Lernort kommen und keine der Teamer*innen kennen. Es handelt sich also um eine in vielerlei Hinsicht völlig neue Situation, an die sich die Schüler*innen zunächst gewöhnen müssen, um gut und sicher anzukommen und in gemeinsame Lernprozesse einsteigen zu können. Um nachhaltig bei den Schüler*innen politische Lernprozesse anzustoßen, benötigt es zudem mehr als nur frontale Impulse. Die Lernorte haben hier mit ihren handlungsorientierten Ansätzen gezeigt, dass aktive Auseinandersetzungen und gemeinsames Lernen in Kooperation und mittels produktorientierter Methoden intensive und tiefgreifende politischen Auseinandersetzung ermöglichen können. Dies gelingt erschwert in sehr kurzen Formaten, in denen wenig Raum für individuelle Beschäftigung und gemeinsamen Austausch bereitgestellt werden können.

"Und auch hier liegt eine besondere Stärke des Projektes: es will Erfolgserlebnisse in der Gruppe ermöglichen. Keine defizitorientierte Ansprache, keine Vorverurteilungen oder ununterbrochene Maßregelungen – es wird offen, kooperativ und wertschätzend zusammen gearbeitet und eine sichere Atmosphäre geschaffen."

DER CLAIM DER DFL STIFTUNG LAUTET „CHANCEN SCHAFFEN“ – INWIEFERN WIRD LERNORT STADION DIESEM ANSPRUCH GERECHT?

Tina Hölzel: Diesen wertvollen Anspruch zu erfüllen ist sicherlich keine leichte Aufgabe, obgleich sie gerade bei den ausschlusserfahrenen Jugendlichen besonders wichtig ist. Unser Eindruck von Lernort Stadion und hier besonders von den beiden eng begleitenden Standorten war, dass auf vielfache Weisen Chancen für die Teilnehmer*innen geschaffen werden. Sie bekommen zum einen die Möglichkeit einen besonderen und sonst überaus exklusiven Raum zu entdecken und auch an Orte im Stadion vorzudringen, an die sonst nicht alle Menschen kommen dürfen – die Presseräume und Umkleidekabinen sind hier nur einige Beispiele. Mehr noch gelingt es aber auch durch die besondere Offenheit der Teamer*innen sowie die handlungsorientierten Methoden einen Möglichkeitsraum zu eröffnen, in dem sich vor allem stigmatisierte Schüler*innen von einer neuen und unvoreingenommenen Seite zeigen dürfen. Die Teamer*innen betonen, dass sie keine Lehrkräfte sind und hier in einer anderen Form zusammen mit den Schüler*innen arbeiten wollen, die schnell eine besondere Zugewandtheit zu den Schüler*innen offenbart. Sie wollen nicht an in der Schule verfestigte Rollen anknüpfen, sondern den Schüler*innen die Möglichkeit geben, sich neu und stärkenorientiert zu zeigen und einzubringen. Und auch hier liegt eine besondere Stärke des Projektes: es will Erfolgserlebnisse in der Gruppe ermöglichen. Keine defizitorientierte Ansprache, keine Vorverurteilungen oder ununterbrochene Maßregelungen – es wird offen, kooperativ und wertschätzend zusammen gearbeitet und eine sichere Atmosphäre geschaffen – und genau so können Chancen für Schüler*innen geschaffen werden.

 

IHR HABT LERNORT STADION ÜBER ZWEI JAHRE LANG BEGLEITET. WAS WIRD EUCH BESONDERS IN ERINNERUNG BLEIBEN?/WAS WAR EIN GANZ BESONDERES ERLEBNIS?

Tina Hölzel: Für mich ganz persönlich werden besonders die Schüler*innen aber auch die Teamer*innen aus Berlin und Dresden in Erinnerung bleiben. Die Schüler*innen bei jeder Begleitung haben mich so nachhaltig beeindruckt. Wir hatten immer wieder die Möglichkeit mehrere Tage gemeinsam mit den Schüler*innen zu verbringen und am Ende der Projekttage auch mit verschiedenen Gruppen Gespräche zu führen. Wie wach, sensibel und differenziert die Schüler*innen dort ihre Beobachtungen kommuniziert haben, mit welcher besonderen Offenheit und Wertschätzung sie uns begegnet sind, hat mich wirklich berührt. Auch wenn wir mit viel Wertschätzung den Schüler*innen begegnet sind, haben sie mich immer wieder von den Socken gehauen. Sie nehmen sehr genau wahr, was in ihrer Umgebung geschieht und wie was zusammenhängt. Ihr Gefühl für sich selbst und auch die anderen im Raum ist dabei so ausgeprägt und bekommt doch noch zu selten die Möglichkeit gezeigt zu werden. Diese Feinfühligkeit, Wach- und Achtsamkeit füreinander haben mich nachhaltig beeindruckt. Aber auch die Teamer*innen werden mir besonders in Erinnerung bleiben. Nicht nur ihre Offenheit und Bereitschaft gemeinsam an den Formaten zu arbeiten, haben mich begeistert, sondern auch die Entwicklung, die wir gemeinsam machen konnten. Ich habe sehr viel mit und durch die Teamer*innen lernen können, was mich auf meinem weiteren Weg für meine Dissertation und als Pädagogin nachhaltig geprägt hat.

David Jugel: Da kann ich Tina Hölzel nur zustimmen. Es sind vor allem die Menschen, mit denen wir arbeiten durften, die mir in Erinnerung bleiben werden. Es sind die vielen kleinen Momente und Situationen, in denen man die Begeisterung und Freude aller Beteiligten gespürt hat. Es waren aber auch die Momente, in denen man AHA-Momente hatte und ganz neue Perspektiven und Ansätze entwickeln konnte. So konnte man gemeinsam völlig neue Wege gehen. Es war für mich beeindruckend, wie ertragreich Forschung sein kann, wenn man sie mit partizipativen und innovativen Methoden in Kooperation umsetzt. Für mich war auch besonders mit welch hoher Motivation und welch erstaunlichen Engagement die Teamer*innen in den Standorten arbeiten. Es wäre schön dies in allen Projekten politischer Bildung anzutreffen.

WAS WÜNSCHT IHR DEM PROJEKT FÜR DIE ZUKUNFT?

Tina Hölzel: Wenn man nach Wünschen für das Projekt gefragt ist, dann denke ich schnell an den besonderen Schatz, den dieses Projekt hat: die Teamer*innen und ihre erprobten Methoden. Ich würde mir daher wünschen, dass es noch besser gelingt gute Perspektiven und Arbeitsmöglichkeiten für das Projekt zu schaffen, die eine stabile Finanzierung beinhalten und so die guten Teamer*innen an den Standorten halten können und ihnen die Möglichkeit bieten frei zu arbeiten. Zudem wäre es wünschenswert, wenn noch mehr Gelegenheiten zum Austausch geschaffen werden und auch die “Ausbildung” zur Teamer*in am Lernort qualitätssichernd durch z.B. Sommerakademien und ähnliches gewährleistet werden könnte. Durch solche strukturellen Wünsche könnte die Arbeit der Lernorte wesentlich erleichtert werden und das Projekt noch mehr Jugendlichen zugute kommen. Auch eine regelmäßige Begleitung und Reflexion der eigenen Methoden wäre zur Qualitätssicherung und stetigen Fortentwicklung des Projektes besonders gut, ist aber ebenso an zeitliche wie finanzielle Ressourcen gebunden – das Engagement der Teamer*innen, das es dazu ebenso braucht, ist bereits umfänglich vorhanden.

 
David Jugel: Ich wünsche dem Projekt, dass es seinen Weg so zielstrebig und konsequent weitergeht, wie es dies bisher getan hat, dass es weiterhin sich jenen Menschen verschreibt, die in vielen anderen Kontexten politischer Bildung vergessen werden und dass es dabei seine Potentiale noch stärker ausnutzt. Dies ist eine gemeinschaftliche Aufgabe aller Beteiligten und erfordert einen hohen Bedarf an Kommunikation und Kooperation. Ich wünsche dem Projekt, dass dieser Bedarf in Zukunft stark mitgedacht wird und die entsprechenden Zeiten und Mittel dafür bereitgestellt werden können. Ich fände es schön, wenn die Motivation und Begeisterung, die in dem Projekt zu spüren ist, aufrecht erhalten werden kann. Ich wünsche dem Projekt aber vor allem die Anerkennung, die es verdient. Noch zu wenige kennen diese außergewöhnlichen Möglichkeiten, die der Ort des Stadions und das Thema “Fußball” bzw. “Sport” im weitesten Sinne für politische Bildung haben. Ich kann also nur in unser aller Namen sagen: Bitte mehr davon!

Anja Besand

Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: inklusive politische Bildung, Medien und politische Bildung, Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus.

Tina Hölzel

Master of Education in Politikwissenschaft (GRW), Geramnistik und Kunst. Sie ist seit 2014 Leiterin des Zentrums für inklusive politische Bildung sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der politischen Bildung (TU Dresden).

David Jugel

Master of Education in Politikwissenschaft (GRW) und Geschichte. Er ist Leiter des Zentrums für inklusive politische Bildung (ZipB), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden an Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt inklusive Bildung und im Projekt „Schule inklusiv gestalten“.

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