„Lass dich nicht behindern“ – Im Gespräch mit Markus Rehm

Als Jugendlicher verlor Markus Rehm bei einem Wakeboard-Unfall sein Bein – einschränken ließ er sich davon nicht. Seit Jahren dominiert der 30-Jährige das paralympische Weitspringen, hält unter anderem den paralympischen Weitsprung-Weltrekord. Als Inklusionspate setzt sich der dreifache Paralympics-Sieger seit 2015 gemeinsam mit der DFL Stiftung für mehr Chancengleichheit in der Gesellschaft ein. Ein Gespräch über Werte, Wertschätzung und vermeintliche Grenzen.

„LASS DICH NICHT BEHINDERN“ – DAS IST MEIN MOTTO.

Markus Rehm besucht das Projekt "Lernort Stadion" in Köln. ©Guido Kirchner

Du bist seit 2015 Inklusionspate der DFL Stiftung. Was hat dich dazu bewogen und was bedeutet diese Rolle für dich?

Ich finde die Ziele, die die Stiftung mit ihren Handlungsfeldern „Integration und Teilhabe“ sowie „Gesundes und aktives Aufwachsen“ verfolgt, sehr, sehr wichtig. Es ist schön zu sehen, dass sich auch die Profiklubs für die Gesellschaft engagieren. Auch die Nachwuchselite-Förderung ist ein sehr wichtiger Bestandteil. Sportartenübergreifend werden junge Nachwuchstalente unterstützt und erhalten so die Chance, in ihrem Sport eines Tages an die Weltspitze zu gelangen.


Welche Botschaft hast du an Kinder und Jugendliche, die auch ein Handicap haben?

„Lass dich nicht behindern“ – das ist mein Motto. Das bezieht sich darauf, dass man sich nicht vorschreiben lassen soll, was man kann oder nicht mehr kann. Ich habe in meiner Vergangenheit oft gehört „Das wird nicht mehr gehen“, „Lass das lieber“ oder „Wir brauchen jetzt irgendeine Alternative dafür“. Ich wollte aber, dass es wieder geht. Ich wollte es auch nicht sein lassen oder keine Alternative haben, sondern ich wollte genau das tun, was ich vor meinem Unfall auch getan habe. Selbst entscheiden, was geht und was nicht, indem ich es einfach ausprobiere. Und das möchte ich auch gerne anderen Menschen mitgeben. Jeder soll seine Grenzen selbst ausloten und sich nicht vorschreiben lassen, was vermeintlich nicht geht.

Markus Rehm steht Rede und Antwort. ©DFL Stiftung/Witters

Was kann man aus deiner Sicht von Menschen mit Behinderung besonders lernen?

Ich mag das Wort ‚Behinderung‘ nicht ganz so gerne. Ich nenne es eher Besonderheit. Ich glaube, man kann die Besonderheiten, die die Menschen haben, noch ein bisschen mehr wertschätzen. Jeder hat besondere Bedürfnisse. Ob mir jetzt ein Bein fehlt, ich kleinwüchsig oder blind bin, das ist völlig egal. Damit sollte einfach offener umgegangen werden. Diese Einstellung kann man von Menschen mit einem Handicap besonders lernen. Ich glaube auch, dass Menschen mit Handicap gelernt haben, viele Dinge anders wertzuschätzen. Bei mir ist es zum Beispiel so, wenn ich mal ein paar Tage an Gehstützen unterwegs bin, bin ich einfach unglaublich dankbar, wieder auf der Prothese zu laufen. Ich merke direkt, welchen großen Wert diese für mich hat. Genau das vergessen wir im Alltag. Oft sehen wir Dinge als eine Selbstverständlichkeit, was sie aber meist nicht sind.

Der Sport hat mir gezeigt, dass ich gar nicht so eingeschränkt bin,
wie viele vielleicht behauptet haben.

Sport spielt für dich eine ganz wichtige Rolle. Welche Bedeutung hatte der Sport für dich in der Zeit nach deinem Unfall?

Der Sport hat mir gezeigt, dass ich gar nicht so eingeschränkt bin, wie viele vielleicht behauptet haben. Ich habe relativ schnell für mich entschieden: Ich will alles ausprobieren. Ich habe alles getestet, auch oft gegen den Willen meiner Eltern. Meine Mama war nicht begeistert, als ich nach dem Unfall wieder das erste Mal auf dem Wakeboard stand. Aber durch den Sport habe ich direkt gemerkt, dass ich doch alles machen kann und dass ich genauso leistungsfähig sein oder werden kann wie zuvor. Das war immer wichtig für mich und da hat mir der Sport geholfen. 

Welche Werte transportiert der Sport für dich?

Es sind viele Werte. Bei uns im paralympischen Sport sind es vielleicht sogar noch ein bisschen andere Werte als im olympischen Sport. Für uns ist das Gemeinschaftsgefühl sehr ausgeprägt. Die Bedeutung spürt man auch. Wir sprechen daher immer von der „paralympischen Familie“. Aber auch Fair Play und Teilhabe sind wichtige Werte im Sport. Einmal ist einem Sportler bei einem Wettkampf die Spikesohle abgefallen und er hätte eigentlich nicht starten können. Da haben wir Athleten gemeinsam – ich hatte einen Kleber dabei, ein anderer ein Tape – die Sohle repariert, damit er am Wettkampf teilnehmen kann. Das ist auch einfach für Außenstehende eine schöne Botschaft. Wir helfen uns, um auf Augenhöhe gegeneinander anzutreten. Und am Ende des Tages gewinnt derjenige, der am besten ist und nicht  derjenige, der die beste Technik und Ausrüstung hat.

Welche drei Dinge sind für dich unverzichtbar?

Meine Familie ist auf jeden Fall unverzichtbar und wahnsinnig wichtig für mich. Sie ist der Rückhalt. Außerdem mein Sport, der aktuell der Mittelpunkt meines Lebens ist, der mir großen Spaß macht und durch den ich viel gelernt habe. Das Dritte ist meine Prothese. So banal es auch klingen mag, aber ohne Prothese könnte ich nicht das tun, was ich heute tun kann. Sie ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil meines Lebens.

Ein sportliches Highlight: Gold bei den Paralympischen Spielen 2012  in London.                ©Julian Finney/Getty Images

Was war dein sportliches Highlight und warum?

Da gibt es ein paar. Ganz besonders ist mir meine erste Goldmedaille bei den Paralympics 2012 in London im Kopf hängen geblieben. Meine Eltern und Freunde waren auch vor Ort. Das war ein Moment, in dem alles auf einmal Sinn gemacht hat. Und 2016 bei den Paralympischen Spielen in Rio durfte ich als Fahnenträger einlaufen. Die Ehre wird nicht vielen zuteil. Im Rücken die gesamte deutsche paralympische Mannschaft zu haben und diese zu repräsentieren, das war schon ein ganz besonderer Moment. Und dann auch noch beim Wettkampf abzuliefern, zweimal Gold zu gewinnen. Das war wirklich unglaublich.


Was nimmst du dir für die anstehende WM in Dubai vor?

Das Ziel ist auf jeden Fall, den WM-Titel zu verteidigen und möglichst nah an meine Bestleistung zu springen. Letztes Jahr lief es sehr gut und ich habe das Gefühl, ich kann dieses Jahr anschließen. Ich konnte leider wegen einer Verletzung an zwei Wettkämpfen nicht teilnehmen, aber der erste war schon mal richtig gut. Ich merke, da geht noch etwas. Und ich hoffe, dieses ‚Etwas‘ kommt dann pünktlich zur WM hervor.

Markus, vielen Dank für das Gespräch.

mhadamzik

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