Ein Schlüssel zur Teilhabe

Auf der Veranstaltung „Mittendrin statt außen vor – Mehr Teilhabe von Geflüchteten im Sport“ am 5. Dezember im Sharehaus „Refugio“ in Berlin stellten Geflüchtete ihre Erfahrungen mit Sportangeboten in Deutschland vor – auch in Form einer Theaterperformance. Anschließend sprachen sie mit den Förderpartnern des Programms „Willkommen im Fußball“ über ihre eigenen Erlebnisse.

Der Raum ist die Bühne. Ruhelos laufen die Frauen und Männer mit Fluchthintergrund in einer Reihe umher, immer wieder vor und zurück. Sie sind auf der Suche, halten Ausschau, manchmal stürzt jemand zu Boden und bleibt zurück. Dann halten sie inne und berichten auf Deutsch und Arabisch von einem Neuanfang in einem fremden Land. Während sie erzählen, welche Rolle Sport in ihrem Leben spielt und schon immer gespielt hat, machen die anderen um sie herum Dehnübungen. Plötzlich ist der Saal ein Fußballplatz. Einige beschreiben das Stadion als eine Art Zuhause, den Verein als eine Familie, bei der sie Halt gefunden haben. „Sport ist Luxus“, sagt provokativ eine Frau. Man brauche keinen Sport zum Überleben. Aber zum glücklich leben, entgegnet ihr ein Mann. Allerdings: Viele Geflüchtete erleben die Sportangebote in Deutschland wie ein geschlossenes Haus. Wer gibt ihnen den Schlüssel, um hineinzukommen?

Es wird viel über Menschen mit Fluchtgeschichte gesprochen. Das Programm „Willkommen im Fußball“ entschied sich, die Geflüchteten selbst zu Wort kommen zu lassen. In drei bundesweiten Workshops haben rund 20 Frauen und Männer ihre Erfahrungen zusammengetragen: die große Bereicherung, die der Sport in ihrer besonderen Lebenssituation bedeutet, aber auch die Schwierigkeiten, ein passendes Angebot zu finden und als Mitglied akzeptiert zu werden. Die Ergebnisse präsentieren sie auf der Veranstaltung „Mittendrin statt außen vor“ mit einer Performance – um mit wenig Worten tief gehende Erlebnisse darzustellen.

Die Veranstaltung ist auch eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. Mit dem Programm „Willkommen im Fußball“ ermöglichen die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die DFL Stiftung und die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration seit 2015 jungen Geflüchteten einen niedrigschwelligen Zugang zu Sportangeboten. In ihrer Eröffnungsrede bringt Dr. Heike Kahl, Vorsitzende der Geschäftsführung der DKJS, das Anliegen auf den Punkt: „Wir wollen Eure Perspektive kennenlernen. Wie können wir besser werden?“ Denn die Erkenntnisse aus den Workshops seien nicht nur für den Sport relevant, sondern für die Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen. Auch die Staatsministerin für Integration, Annette Widmann-Mauz, die das Programm fördert, hält viel von diesem Perspektivenwechsel. „Dadurch lernen wir, wie viele Steine Ihnen in den Weg gelegt werden“, sagt sie in ihrem Grußwort.

Aus den Workshop-Ergebnissen wurden fünf Handlungsempfehlungen für Sportvereine und -verbände, aber auch andere zivilgesellschaftliche Akteure, zusammengestellt. Eine Empfehlung darin lautet: Informationen teilen. Denn viele junge Geflüchtete möchten gerne mitmachen, wissen aber nicht wo.

„Ich wollte Fußball spielen. Aber jemand muss dir den Weg zeigen“, sagt beispielsweise Seid.

Der 21-Jährige hatte Glück: Ein Lehrer am Berufskolleg erfuhr zufällig von seinem Interesse am Fußball und vermittelte ihn an einen Verein. Inzwischen trainiert Seid selbst eine F-Jugendmannschaft und macht eine Ausbildung zum Sozialassistenten: „Ich fühle mich nicht mehr wie in einem fremden Land, sondern jetzt mache ich richtig mit.“
Maximilian Türck, Leiter Projekte und Kommunikation bei der DFL Stiftung, betont, dass es dabei wichtig ist, woher die Informationen kommen. Ein einfacher Aushang reiche manchmal nicht. „Erst wenn ein Mensch auf mich zukommt und mich einlädt, fühle ich mich wirklich willkommen.“

Eine Erfahrung, die viele geflüchtete Sportlerinnen und Sportler zudem machen, ist Rassismus – manchmal ganz offen, häufiger aber subtil und sogar von Menschen, die es eigentlich gut meinen und sich ihrer Vorurteile nicht bewusst sind. „Andere Spieler sind zu spät gekommen, haben den Gegner beleidigt und wurden trotzdem aufgestellt, während ich nicht spielen durfte“, erzählt Seid von seiner ersten Mannschaft. „Am Ende habe ich den Verein gewechselt.“ Im Fußball gebe es nicht mehr Vorurteile als in der Gesellschaft insgesamt, aber auch nicht weniger, meint Maximilian Türck von der DFL Stiftung. Vereine sollten sich daher aktiv mit dem Thema auseinandersetzen und gegebenenfalls auch Schulungen organisieren.

Eine andere Erkenntnis: Vereine haben manchmal falsche Erwartungen. Denn Menschen mit einer Fluchtgeschichte befinden sich zunächst in einer prekären Situation und haben nicht immer die Ressourcen, regelmäßig an Sportangeboten teilzunehmen. Wer sein Leben an einem fremden Ort ganz neu finden muss, für den ist Sport ein Luxus. Hier sei es Aufgabe der Vereine, sich in die Lage der Geflüchteten zu versetzen, sagt die Staatsministerin für Integration Annette Widmann-Mauz: „Wenn jemand zu spät oder gar nicht kommt, heißt das nicht, dass er keine Lust hat oder faul ist, sondern dass er vielleicht mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat.“

Eine besondere Chance für die Integration sieht die Staatsministerin für Integration im ehrenamtlichen Engagement: „Hier können sich junge Geflüchtete in die Gesellschaft einbringen und aktiv Teilhabe mitgestalten.“ Allerdings stoßen junge Geflüchtete, die nicht nur spielen, sondern auch trainieren wollen, teilweise auf Schwierigkeiten. Beispielsweise wird von ihnen oft ein Trainerschein erwartet, während andere im Verein auch ohne Lizenz das Training leiten dürfen. Tatsächlich sei es auch bei hochqualifizierten Leuten schwierig, die Standards einer Ausbildung aus einem anderen Land zu übertragen, weiß Maximilian Türck. „Da muss man miteinander reden, um möglichst unbürokratisch herauszubekommen, was eine Person kann.“ Vereine sollten darauf achten, dass für alle die gleichen Maßstäbe gelten.

Doch trotz der Schwierigkeiten – bei der Veranstaltung „Mittendrin statt außen vor“ wird auch deutlich, wie viel der Sport dabei helfen kann, wirklich anzukommen. Als Havere mit 14 Jahren nach Deutschland kam, war sie zunächst in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht: „Es war wie in einem Gefängnis da drin. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin rausgegangen.“ So kam Havere zu ihrem Mädchen-Fußballteam. Sie lernte Gleichaltrige kennen und fühlte sich akzeptiert. Das gab ihr Halt, auch als ihre Familie abgeschoben wurde und sie mit 15 Jahren plötzlich allein war.

„Meine Mannschaft ist jetzt meine Familie.“

Etwas Ähnliches berichtet auch der 25-jährige Moin. „Als ich 2017 die Ablehnung meines Asylantrags bekam, wollte ich nicht mehr leben.“ Durch „Willkommen im Fußball“ fasste Moin neuen Lebensmut. Er wurde in eine Fußballmannschaft aufgenommen, in der er viel Deutsch üben konnte. Er fing an, als ehrenamtlicher Trainer zu arbeiten, und fand eine Ausbildungsstelle als Elektroniker. „Willkommen im Fußball“ hat mein Leben verändert, sagt er.

Zwei Beispiele dafür, dass das gemeinsame Trainieren auch soziale Integration mit sich bringen kann. Damit das gelingen kann, müssen die Sportvereine bereit sein, sich auf diesen Prozess einzulassen und das scheinbar Fremde als eine Bereicherung anzunehmen. Eine fünfte Handlungsempfehlung lautet daher: Vielfalt fördern. „Denn Integration ist keine Einbahnstraße“, betont Dr. Kahl. „Wenn die eine Seite bereit ist zu lernen, muss auch die andere Seite offen sein.“ Oder wie es der Nachwuchstrainer Seid formuliert: „Jeder, der kommt, bringt auch seine eigenen Ideen mit.“

Die Publikation „Mittendrin statt außen vor – Fünf Handlungsempfehlungen für mehr Teilhabe von Geflüchteten im Sport“ steht hier als PDF zur Verfügung und kann per E-Mail an johannes.kaufhold@dkjs.de kostenfrei bestellt werden.

„Willkommen im Fußball“ ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Autorin: Wibke Bergemann
Bildnachweis: ©CC BY-NC-SA 4.0 DKJS/ Dorothea Tuch

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