Alles anders – alles gleich? Qualifizierung von Geflüchteten im Sport

Der Workshop „Alles anders – alles gleich? Qualifizierung von Geflüchteten im Sport.“ fand am 7. Oktober 2020 im Rahmen der digitalen „Willkommen im Fußball“-Dialogwoche statt. Im Fokus stand der Erfahrungsaustausch bei der Umsetzung von Lehrgängen und Lizenzausbildungen im Fußball, die sich explizit an Geflüchtete richten.

„Es gab ein paar Eltern, die mir super geholfen haben und bei Sprachproblemen vermittelt haben.“ (Mahmoud Ali, Trainer BSC Eintracht Südring)

Zuletzt wurde Mahmoud Ali bei seinem Verein sogar zum Trainer des Jahres gewählt. Er lächelt, während er davon erzählt. Denn es war ein weiter Weg dorthin. Als Co-Trainer war der junge Geflüchtete zunächst in einem Berliner Verein aktiv, in dem er sich nicht akzeptiert fühlte. Er wechselte zum BSC Eintracht Südring und begann gemeinsam mit einem anderen Trainer als Tandempartner die E-Jugend zu trainieren. „Es gab ein paar Eltern, die mir super geholfen haben und bei Sprachproblemen vermittelt haben“, berichtet er. Unterstützung kam auch von dem Projekt Start2coach und so wagte Mahmoud Ali schließlich den Schritt, einen Lizenzlehrgang zu machen: „Alles auf Deutsch, das war schwer.“ Doch er schafft die Prüfungen und hat jetzt eine C-Lizenz als Trainer. Und dann wurde sein Team auch noch Meister.

Die Teilnehmenden beim Online-Workshop „Alles anders – alles gleich?“, bei dem Mahmoud Ali von seinen Erfahrungen berichtet, kommen aus Verbänden, Vereinen und von sozialen Trägern. Sie alle treibt die Frage um, wie es gelingt, Geflüchtete ins Ehrenamt zu bringen. Sofie Goetze stellt das Projekt start2coach des Berliner Vereins CHAMPIONS ohne GRENZEN vor, das etwa mit niedrigschwelligen Workshops die Grundlagen des Trainierens vermittelt. Das zentrale Element der Arbeit sind die Tandems, die der Verein zwischen jungen Geflüchteten und erfahrenen Trainerinnen und Trainern in den Fußballvereinen vermittelt. So können Interessierte langfristig an das Trainieren herangeführt werden. Dazu müssen in den Vereinen die passenden Partnerinnen und Partner gefunden werden, erklärt Sofie Goetze: „Die Kommunikation muss stimmen. Nicht jeder ist für so ein Tandem geeignet. Wir haben die Tandems ein Stück weit begleitet. Manchmal sind es Kleinigkeiten: etwa daran zu erinnern, dass die Handynummern ausgetauscht werden.“ Denkbar wäre auch ein Leitfaden für die Mentorinnen und Mentoren.

„Das größte Problem bei der Qualifizierung ist natürlich die Sprache.“
(Heike Peschke, Referentin für Integration des Fußballverbandes der Stadt Leipzig)

Für das Projekt start2coach sind die Fördergelder inzwischen ausgelaufen. Doch die Idee der Tandems hat sich verbreitet. Unter anderem der Fußballverband der Stadt Leipzig hat das Modell übernommen. „Das größte Problem bei der Qualifizierung ist natürlich die Sprache“, sagt die dortige Referentin für Integration, Heike Peschke. Deshalb gibt der Verband seit vier Jahren eigene Basislehrgänge, die besonders auf die Bedarfe von werdenden Trainerinnen und Trainern mit Fluchthintergrund eingehen: Anders als bei den üblichen Lehrgängen gibt es dabei etwa Sprachmittlung zwischen Deutsch, Arabisch, Farsi und auch mal Französisch, die Lehreinheiten wurden von 40 auf 60 erweitert und der Unterricht ist etwas langsamer, teilweise wird auch eine Kinderbetreuung angeboten.

Außerdem wurden die Inhalte um zusätzliche Themen erweitert: Wie gehe ich mit Vielfalt um, wie mit Diskriminierung? Und wie funktioniert das deutsche Vereinssystem? Es sei wichtig, eine realistische Perspektive zu vermitteln. „Damit keiner denkt, er werde nach dem Lehrgang gleich Trainer bei RB Leipzig“, so Peschke. Das Konzept geht ihr zufolge auf: 95 Prozent der jungen Geflüchteten, die an einem Kurs teilgenommen haben, sind langfristig als Trainerinnen und Trainer aktiv. Allerdings: Viele schrecken noch davor zurück, den nächsten Schritt zu gehen und einen C-Lizenzlehrgang zu machen. Die angepassten Lizenzprüfungen außerhalb des DFB, die es in einigen anderen Bundesländern bereits gibt, sind in Sachsen bislang kaum möglich.

Bei der darauffolgenden Diskussion im Workshop und in Kleingruppen wird deutlich, dass die verschiedenen Teilnehmenden oft vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Zum Beispiel die Motivation. Dave Wilke vom Projekt „Work for you Berlin“ der RheinFlanke gGmbH berichtet, dass er viel Überzeugungsarbeit leisten muss. „Ein Ehrenamt kostet Zeit und ich verdiene nichts. Dann muss ich die Perspektiven aufzeigen, dass man dabei ja Social Skills erwirbt, dass es sich gut auf dem Lebenslauf macht, dass es Integration und Sprachkenntnisse verbessert.“

Um Vereine und Verbände für das Thema zu gewinnen, ist es hilfreich, sich Verbündete zu suchen. Das können einzelne Ansprechpersonen in den Strukturen sein, andere Einrichtungen wie etwa der Landessportbund, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die einen besseren Zugang zu Geflüchteten ermöglichen. „In Leipzig sind wir gut vernetzt mit rund 20 Integrationsvereinen. Da können wir die Leute direkt ansprechen. Das ist viel effektiver, als mit offiziellen Ausschreibungen für Qualifizierungsangebote zu werben“, berichtet Heike Peschke. Verbündete sind auch bei der Mittelakquise nützlich. Hat man diese Mittel einmal akquiriert, beispielweise in Form einer 400 Euro-Stelle, sind zuvor verschlossene Partner meist bereit zu unterstützen und neue Wege auszuprobieren.

Der Workshop macht deutlich, wie viel Engagement es für Geflüchtete im Ehrenamt bereits gibt und wie viel man damit erreichen kann – für viele Teilnehmende ein ermutigender Nachmittag.

Ergänzend zu diesem Bericht findet ihr unter folgendem Link eine Visualisierung der besprochenen Inhalte in Form von „Graphic Recordings“. Alle anderen Materialien zu diesem Workshop und den weiteren Veranstaltungen der „Willkommen im Fußball“-Dialogwoche findet ihr hier.

Text: Wibke Bergemann
Graphic Recording: ©DKJS/graphicrecording.cool

„Willkommen im Fußball“ ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

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