„Offene Vereinskultur, ein freundlicher Umgang, altersgerechte Übungsformen”

Interview mit Björn Mencfeld, Pressewart des Leipziger SV Lindenau 1848 e.V. – Gewinner des DFB-Integrationspreises 2015 – aus dem Bündnis Leipzig über das Vereinsleben und den sportlichen Erfolg. 

Euer Verein ist bekannt dafür, Geflüchtete aufzunehmen. Mal abgesehen vom Integrationspreis – was hat Euer Verein davon?

Zunächst einmal ganz banal – neue Spielerinnen und Spieler! In allen Herrenteams, nahezu allen Nachwuchsmannschaften und mittlerweile sogar in unserer Frauenmannschaft nehmen Geflüchtete teils sehr wichtige sportliche Positionen ein. Dadurch kommt umgekehrt auch jedes deutsche Mitglied in Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturkreisen – lediglich so manches Vorurteil musste dabei auf der Strecke bleiben.

 

Die Suche nach ehrenamtlich Engagierten ist eine große Herausforderung für alle Sportvereine. Wie hat es geklappt, dass Geflüchtete bei Euch nicht „nur“ mitspielen, sondern auch als Trainerinnen und Trainer bzw. Betreuerinnen und Betreuer mit dabei sind?

Das Wichtigste – wir bremsen niemanden aus! Ganz viele Eltern bieten z.B. ihre Hilfe beim Auf- und Abbau der Spielfelder an. Das ist eine gute Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Viele haben früher selbst gespielt, da werden sie einfach mal in eine unserer Freizeitmannschaften eingeladen, schon wird der Kontakt enger. Unser Jugendleiter Harry Schramm hat für sowas ein ausgesprochenes Talent. Da bekommt dann schnell mal einer, der regelmäßig am Seitenrand seine Kids anfeuert, ein blaues Vereinsshirt übergezogen und findet sich als Mannschaftsbetreuer an der Seitenlinie wieder.

 

Was sind Eure Tipps an andere Vereine, um neue Mitbürgerinnen und Mitbürger für das Ehrenamt im Sportverein zu gewinnen?

Im Prinzip muss man da nicht viel anders machen als bei der Gewinnung ehrenamtlicher Deutscher: eine offene Vereinskultur, ein freundlicher Umgang mit allen Mitgliedern und Gästen, altersgerechte Übungsformen und ein nicht ausschließlich auf dem sportlichen Erfolg fixiertes Vereinsleben sind eine gute Basis zur Gewinnung von Sympathien. Und natürlich eine gute Portion Menschenkenntnis. Organisiert ein Elternteil von sich aus mal eine kleine Mannschaftsfeier, ist er möglicherweise ein guter Kandidat als Leiterin oder Leiter der Mannschaft. Ist ein Papa beim Training immer da und pebbelt nach dem Training noch mit ein paar Kids – warum ihn nicht einfach mal auf ein paar Probeeinheiten als Übungsleiter ansprechen? Wichtig ist dabei eine gute fachliche Betreuung. Die Sprache ist im Kinderbereich dabei zunächst eher zweitrangig, auf Dauer aber natürlich eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am Vereinsleben. Wer offen in dieses einbezogen wird, dem mangelt es in der Regel aber nicht an Motivation zum Spracherwerb.

 

In Leipzig bot der FVSL Anfang Mai 2017 eine Basisschulung für den Erwerb der C-Lizenz für Geflüchtete an. Waren auch Personen aus Eurem Verein dabei?

Es ist eine tolle Sache, dass der FVSL unter großem Einsatz seiner Integrationsbeauftragten Heike Säuberlich so schnell einen offiziell anerkannten Lehrgang auf die Beine gestellt hat. Vom SV Lindenau 1848 konnte leider niemand teilnehmen, da unser infrage kommender Übungsleiter in dieser Woche wichtige Prüfungen hatte, um im Sommer in eine Berufsausbildung zu starten. Es ist ja nicht so, das Geflüchtete den ganzen Tag nur in der Wohnung sitzen – viele haben mit Familie, Sprachkursen und Jobqualifikation einen so vollgepackten Tag, dass sie sich die Zeit für das Ehrenamt auch erstmal freischaufeln müssen.

 

Was haltet Ihr von den Qualifizierungsmöglichkeiten für Geflüchtete im organisierten Sport? Was funktioniert gut, was soll besser werden?

 Ganz wichtig ist aus meiner Sicht, dass ungeachtet der besonderen sprachlichen Voraussetzungen die Qualität der Ausbildung für Trainerinnen und Trainer unberührt bleibt. Insofern finde ich Projekte wie den oben angesprochenen vollwertigen Basislehrgang, in dem durch Übersetzungshilfen statt durch Qualitätsminderung den Neuzugekommenen geholfen wird, richtig. Bei der diesjährigen Integrationspreisverleihung in Dortmund wurde z.B. ein Projekt aus Hessen vorgestellt, in dem Materialen zur Ausbildung von Trainerinnen und Trainern sowie Trainingsgestaltung mehrsprachig aufbereitet wird – eine tolle Sache, die hoffentlich bald auch anderen Landesverbänden zur Verfügung gestellt wird. Überhaupt fehlt meiner Meinung nach vor allem eine zentrale, mehrsprachige Plattform für den ersten Kontakt von ausländischen Engagierten mit dem Amt der Trainerin bzw. des Trainers. „Willkommen im Fußball“ bewirkt da was – aber eben leider nicht flächendeckend. Diese Anfangshilfen sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass schneller Spracherwerb eine wichtige Voraussetzung zur Tätigkeit als Trainerin und Trainer ist. Dann klappt es auch, dass neue Bürgerinnen und Bürger wie unser seit über 10 Jahren hier in Deutschland lebender E-Jugendtrainer Rody sich nicht mehr in erster Linie als Syrer oder Kurde sieht, sondern als Leipziger – und das ist er mittlerweile wahrlich mehr als manch einer von unseren Alteingesessenen!

 

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