Mitbestimmung von Anfang an?!

Welche unterschiedlichen Ansätze für mehr Mitbestimmung und Teilhabe von Geflüchteten im Sport gibt es? Welche Handlungsempfehlungen wurden bereits erarbeitet und wie werden sie in der Praxis angewendet? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmenden des Workshops „Mitbestimmung von Anfang an?!“ am 6. Oktober 2020 im Rahmen der digitalen „Willkommen im Fußball“-Dialogwoche.

Ein junger Mann blickt nachdenklich in die Kamera: „Es gibt so viele Menschen, die sagen, Du kannst das nicht. Aber das kann uns eigentlich egal sein. Was denke ich über mich? Was kann ich schaffen? Das ist mein Gedanke. Und wenn man will, dann kann man alles schaffen.“ Die Szene stammt aus dem Theaterstück „Weißenfels needs love“, einem Projekt mit jungen Geflüchteten im Kinder- und Jugendhaus Weißenfels, bei dem es vor allem um Empowerment ging: selbst die Initiative zu ergreifen und mitzuentscheiden.

Das Theaterprojekt ist ein Beispiel für gute Praxis, das der Empowerment- und Diversity-Trainer Mohammed Jouni in dem Workshop „Mitbestimmung von Anfang an?!“ vorstellt. Die Workshop-Teilnehmenden arbeiten selbst zum großen Teil mit jungen Geflüchteten. Zu Beginn werden alle gebeten, das eigene Projekt auf einem Blatt Papier zu beschreiben, auch unter den Gesichtspunkten: Wer entscheidet? Wie ist die interne Organisation? Anders gesagt, wie gut gelingt Mitbestimmung bei der eigenen Arbeit? „Es gibt in vielen Projekten den Willen und den Wunsch, Teilhabe umzusetzen. Manchmal scheitert es bereits daran, dass die Jugendlichen nicht so genau wissen, warum sie sich einbringen sollten“, sagt Jouni.

Umso wichtiger ist es, Partizipation von Anfang an mitzudenken. Denn so werden Projekte nicht an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeigeplant. Mohammed Jouni hat als junger Erwachsener „Jugendliche ohne Grenzen“ mitgegründet und kennt die besonderen Herausforderungen, vor denen geflüchtete Jugendliche stehen: der unsichere Aufenthaltsstatus, Diskriminierungen, fehlende Identifikationsfiguren genauso wie der Paternalismus von Hilfsangeboten, in denen über die Köpfe der Jugendlichen hinweg entschieden wird.

Mohammed Jouni betont, dass die Beteiligung von Jugendlichen nicht ein Geschenk ist, sondern durch das Sozialgesetzbuch und die UN-Kinderechtskonvention vorgeschrieben wird. Trotzdem können Kinder und Jugendliche nicht immer wirklich darüber entscheiden, was sie tun möchten. Um die Teilhabepotenziale des eigenen Projektes zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Stufenmodell der Partizipation der Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Michael Wright, Martina Block und Hella von Unger. Das Modell reicht von der Nicht-Partizipation über Vorstufen wie Anhörung und Einbeziehung bis hin zur Partizipation im Sinne einer Mitbestimmung oder sogar Entscheidungsmacht und schließlich der Selbstorganisation. Es bietet damit Projekten die Möglichkeit, sich mit den eigenen Zielen auseinanderzusetzen und zu prüfen, wie weit es bisher gelungen ist, die selbst gesetzten Ziele auch zu erreichen.

Denn die Erfahrungen, die die Workshop-Teilnehmenden mit Teilhabe gemacht haben, sind sehr unterschiedlich. Während das Thema in einigen Projekten längst eine Selbstverständlichkeit ist, spielt es bei manchen niedrigschwelligen Projekten bislang keine große Rolle. Um sich besser austauschen zu können, wird die Online-Diskussion zwischendurch in Kleingruppen verlagert. Hier wird es ganz konkret. Zum Beispiel beim Thema Kinderbetreuung: Wer ein Projekt entwickelt, denkt vielleicht nicht daran. Wer aber die Zielgruppe mit einbezieht, erfährt, dass es für viele Menschen, gerade Frauen, eine Voraussetzung zur Teilnahme sein kann. Eine weitere Erfahrung aus Projekten mit Geflüchteten: Die Bedürfnisse können sich vergleichsweise schnell verändern, dann müssen auch die Angebote angepasst werden.

Anschließend stellen die beiden Fußballerinnen Havere Morina und Camille Andrélan von CHAMPIONS ohne GRENZEN ihr Projekt vor. Havere Morina hat im Rahmen der Nike-Kampagne „Made to Play“ ein eigenes Trainingsprojekt entwickelt. Dazu gehörten ein Fußballtraining für Mädchen sowie Workshops, in denen sie rappen und boxen lernen konnten. „Unser Ziel war es, die Mädchen aus den Unterkünften rauszuholen“, berichtet Havere. „Ich weiß, wie das ist, immer nur drin zu sein und nichts zu tun zu haben.“ Und sie weiß – aus eigener Erfahrung und weil sie sich immer wieder erkundigt hat – worauf es bei Jugendlichen mit Fluchthintergrund ankommt. So wurde das Projekt zu einem Erfolg: Die Förderung ist nach einem Jahr ausgelaufen, doch das Training findet weiterhin einmal die Woche statt.

Letztendlich gehe es um Empowerment: die Stärkung und Befähigung der Jugendlichen, sich gesellschaftlich zu beteiligen, erläutert Mohammed Jouni. Auf der politischen Ebene bedeute das Emanzipation. „Also zu verstehen: Nicht ich bin das Problem, sondern die Strukturen.“ Auf individueller Ebene heiße das, junge Geflüchtete in die Lage zu versetzen, selbst ihre Lebensumstände zu verbessern.

Um mehr Partizipation zu ermöglichen, sollten Projekte deshalb sogenannte Empowerment-Räume schaffen, empfiehlt Mohammed Jouni: geschützte Räume, in denen Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren gemeinsam Handlungsstrategien entwickeln können. Denn junge Geflüchtete brauchen Orte, wo sie keine Diskriminierung erleben und frei sprechen können, ohne dass das Gesagte relativiert wird.

Ergänzend zu diesem Bericht findet ihr unter folgendem Link eine Visualisierung der besprochenen Inhalte in Form von „Graphic Recordings“. Alle anderen Materialien zu diesem Workshop und den weiteren Veranstaltungen der „Willkommen im Fußball“-Dialogwoche findet ihr hier.

Text: Wibke Bergemann
Graphic Recording: ©DKJS/graphicrecording.cool

„Willkommen im Fußball“ ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

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