Teil 2/3: Marah aus dem Dortmunder „Willkommen im Fußball“-Bündnis

Endlich! Marah hat ihren Realschulabschluss– jetzt geht es weiter zum Fachabi. Auch sportlich gesehen läuft es für die 20-Jährige ziemlich rund: Über „Willkommen im Fußball“ wird sie im Oktober 2019 das Aufbaumodul für ihre Übungsleiterinnen-C-Lizenz machen – dann kann sie selbst endlich Trainerin sein. Und auch der „Willkommen im Fußball“-Cup im Sommer in Berlin war ein Erfolg für Marah.

„Ich möchte ankommen in Deutschland, so wie andere auch.“

Geschafft – Marah hat ihren Realschulabschluss in der Tasche! Eigentlich war das klar, aber ein Meilenstein ist es trotzdem. Drei Jahre, nachdem ein Krieg sie und ihre Familie gezwungen hatte, in ein neues Land zu ziehen und eine neue Sprache zu lernen, hat sie in diesem neuen Land, in der neuen Sprache, die Schule geschafft. Sie hat gekämpft, gebüffelt und sich auch gegen Widerstände durchgesetzt, gegen Lehrerinnen und Lehrer, die sie lieber in einer Berufsausbildung gesehen hätten, gegen Probleme bei der Schulplatzsuche. Jetzt besucht sie auf der Europaschule in Dortmund-Aplerbeck die gymnasiale Oberstufe, will ihr Abitur machen und danach studieren – entweder etwas im Banken- und Finanzsektor oder Soziale Arbeit, so richtig entscheiden kann sie sich bisher noch nicht. Sie hat einiges erreicht in der kurzen Zeit. Ihre Freundinnen und Fatma, Mitarbeiterin beim Lern- und Begegnungszentrum „Adam‘s Corner“, unterstützen sie. Und ein bisschen stolz darauf ist sie schon, das merkt man, selbst, wenn sie es nicht sagt.

Trotz des weiteren Wegs zur neuen Schule und der langen und anstrengenden Schultage: Zeit für Sport, einen Besuch in „Adam‘s Corner“ und das „Willkommen im Fußball“-Bündnis hat Marah trotzdem weiterhin. Im Juni war sie, zusammen mit einer Dortmunder Delegation, beim „Willkommen im Fußball“-Cup 2019 in Berlin. Junge Sportlerinnen und Sportler aus den „Willkommen im Fußball“-Bündnissen aus ganz Deutschland, mit und ohne Fluchtgeschichte, haben sich dort getroffen, miteinander Fußball gespielt und Zeit verbracht. „Es war anstrengend, weil es so heiß war, aber es war wirklich sehr schön“, erinnert sich Marah. Die einzelnen Teams der teilnehmenden Bündnisse wurden vor Ort in neue Teams aufgeteilt. Dadurch konnte sie viele neue Kontakte knüpfen, und hat jetzt Freundinnen und Freunde in ganz Deutschland. „Wir wollen uns schon bald wiedertreffen.“ Und nebenbei hat das Team, in dem Marah mitgespielt hat, auch noch einen Pokal und eine Medaille gewonnen – und Marah den ersten Platz bei den Frauen.

Jetzt im Oktober steht nun endlich das zweite und letzte Modul der Übungsleiterinnen-C-Lizenz an. In den Osterferien hat Marah beim Bündnispartner TSC Eintracht schon das Basismodul absolviert und dort vor allem viel Theorie gelernt: Wie sind in Deutschland eigentlich Vereine organisiert? Was muss ich bei der Wartung von Sportgeräten und der Sicherheit in Turnhallen beachten? Welche Muskeln hat der Körper und welche Muskeln werden bei welcher Sportart beansprucht? Was ist zu tun, wenn sich eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer meiner Gruppe verletzt? Und wie bringe ich überhaupt Menschen und großen Gruppen einen Sport bei und halte sie bei Laune?

Zuerst sei es schwierig gewesen, als Jüngste und Einzige mit Kopftuch zwischen lauter noch fremden Leuten, erinnert sich Marah. „Ich traue mich oft nicht zu sprechen, weil ich denke, mein Deutsch ist nicht gut genug.“ Doch als ein anderer Teilnehmer sich kurzerhand bei ihr unterhakte und die beiden zum Team für den Ferienkurs erklärte, war das Eis gebrochen. Was sie, ab vom Fachlichen, gelernt hat: „Dass ich mich nicht schämen muss, und dass es viele hilfsbereite und freundliche Menschen gibt. Das war ein sehr schönes Gefühl.“ Auch wenn Marah es nicht ausspricht, ist spürbar: Die Offenheit der anderen, die Erlebnisse im Bündnis, die neuen Freundinnen bzw. Freunde sowie die Erfolge geben Selbstvertrauen. Sie ist willkommen im Fußball und willkommen in Dortmund.

©DKJS/Sabrina Richmann

Die Herbstferien wird Marah mit dem Aufbaumodul verbringen. Darin wird es dann um didaktische Kenntnisse und Methoden der Wissensvermittlung gehen, um Gruppen- und Teambildung oder den Aufbau eines Trainings – alles Dinge, die Übungsleiterinnen und Übungsleiter auf dem Schirm haben müssen.

Marah will das, was sie gerade lernt, nutzen: „Ich möchte Kindern etwas beibringen – und wenn ich die Übungsleiterlizenz habe, gern hier beim TSC Eintracht als Gruppenleiterin anfangen.“ Erste Kontakte hat sie schon geknüpft und kürzlich einen Bekannten begleitet, der beim TSC im Bereich Rehabilitation arbeitet. „Ich würde gern hier arbeiten, in einem ganz normalen Job als Trainerin. Ich möchte ankommen in Deutschland, so wie andere auch.“

Autorin: Alexandra Gehrhardt
Beitragsfoto: DKJS/Sabrina Richmann

Mehr zur Beitragsserie über Marah erfahrt Ihr hier

„Willkommen im Fußball" ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, initiiert und gefördert von der DFL Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Mehr Informationen zu „Willkommen im Fußball“ findet ihr hier.

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